Meinung : Disqualifiziert

Warum Leipzigs Olympia-Pläne zu scheitern drohen

Armin Lehmann

Es gibt wunderbare Rekorde, die man einstellen kann. Peinlichkeitsrekorde zum Beispiel. Die Bewerbung Berlins um die Olympischen Spiele 2000 war ein Debakel, ganz Deutschland hat die Hauptstadt und ihre stümperhafte Kandidatur ausgelacht. Immerhin haben es die Berliner zumindest in die internationale Endausscheidung geschafft, wo sie mickrige neun Stimmen bekamen. Nun ist Deutschland mit Leipzig auf dem rekordverdächtigen Weg, das kaum vorhandene Niveau der Berliner Bewerbung noch zu unterbieten.

Die Deutschen, die Organisationskönige, die Seriösen, Beflissenen können anscheinend kein nationales Pathos beschwören. Nur sechs Monate nach der nationalen Ausscheidung denkt der deutsche Sport hinter vielen vorgehaltenen Händen darüber nach, die Bewerbung lieber gleich zurückzuziehen, bevor sich die Republik international nochmals lächerlich macht. Das ist, wenn auch unausgesprochen, eine Bankrotterklärung. Und sie macht deutlich: Es gibt gar keine nationale Bewerbung Deutschlands, es gibt noch nicht einmal eine gemeinsame sächsische Bewerbung. Es gibt nur Ansprüche und Interessen von drei Gesellschaftern – Sachsen, Leipzig, Nationales Olympisches Komitee (NOK) –, die dazu führen, dass eine einheitliche, international konkurrenzfähige Strategie des deutschen Bewerbers Leipzig bisher nicht wahrnehmbar ist.

Die Realität sieht so aus: Im Sport gilt NOK-Chef Steinbach als nicht durchsetzungsfähig und politisch nicht immer geschickt. Und in der Politik musste die SPD um Sportminister Otto Schily feststellen, dass Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee womöglich zu eitel und zu überheblich ist, um die Tragweite einer olympischen Bewerbung zu erfassen. Die sächsische CDU hat das früh erkannt und jeden Fehler Tiefensees clever ausgenutzt, um sich selbst zu distanzieren und Tiefensee zu demontieren, ohne dabei als Spielverderber dazustehen. Im nächsten Jahr, das weiß Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt nur zu gut, hat er vor allem zwei Wahlen zu gewinnen: Kommunalwahl, Landtagswahl. Eine erfolgreiche Olympiabewerbung, die man in erster Linie mit dem Gesicht Tiefensees verbinden würde, könnte Sachsens CDU zumindest die absolute Mehrheit kosten. Auch deshalb hat die CDU so darauf gedrängt, dass Tiefensee seine politischen Ambitionen im Bundesland der Olympiabewerbung unterordnet.

Sollte Tiefensee, bis vor kurzem noch Hoffnungsträger der SPD nicht nur in Sachsen, im Zuge der Ermittlungen über möglicherweise unrechtmäßige Provisionszahlungen an Geschäftspartner selbst belastet werden, könnte wohl selbst die Bundesregierung um Otto Schily die Bewerbung nicht mehr retten. Schily hat als Mitglied im Aufsichtsrat zwar zu Recht und massiv hinter den Kulissen in die Bewerbung einzugreifen versucht, doch hat wohl auch er die mangelnde Kompetenz der Akteure und das Konfliktpotenzial zwischen den drei Gesellschaftern unterschätzt.

Kanzler Schröder hat schon vor einigen Wochen über einen Sportgipfel nachdenken lassen. Seiner Regierung bleiben jetzt noch zwei Möglichkeiten: Entweder sie hält sich zurück und nimmt dabei in Kauf, dass die Bewerbung scheitert. Oder sie zaubert noch einen international angesehenen Repräsentanten hervor, der dazu noch große integrative Fähigkeiten besitzt. Mal sehen, wie sportlich Otto Schily es nimmt.

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