Meinung : Disteln im Garten

Nach dem Terror in London muss sich Tony Blair wieder für den Irakkrieg rechtfertigen

Matthias Thibaut

Kommentatoren überschlagen sich wieder mit Lob für Tony Blair. Der Premier habe die brillantesten Wochen seiner Amtszeit hinter sich. Von der EU-Krise über die Olympiaentscheidung und den G-8-Gipfel bis zu seinem sicheren Management der Londoner Terrorkrise – kein falscher Schritt. Sogar Oppositionschef Howard bescheinigte ihm staatsmännische Größe.

Und doch – inmitten der so schön bestellten Landschaft tut sich ein Stück Brachland auf, auf dem Disteln wachsen. Wird Blair, auf dem letzten, großen Höhepunkt, nun doch noch vom Irak eingeholt? War es eben doch der Krieg, der Tod und Terror nach London holte?

Natürlich ist es falsch, es so zu formulieren. Nicht der Irak ist schuld an den Londoner Bomben, sondern die Bombenleger und die extremistischen Hassprediger, die den Irakkrieg als Beweis eines globalen Feldzuges gegen die „muslimischen Brüder“ hinstellen – wobei sie geflissentlich übersehen, dass es im Irak nun Muslime sind, die ihre Brüder in die Luft sprengen.

Niemand kann den Bombenlegern die moralische Verantwortung für den Tod Unschuldiger abnehmen – und nur ganz wenige wollen dies: Vielleicht George Galloway, der ehemalige Labour-Hitzkopf, der den Zorn der britischen Muslime so glänzend für die Wiedererweckung seiner politischen Karriere einzuspannen wusste. Ganz bestimmt die wütenden jungen britischen Muslime, die sagen: „Blair selbst hat es über sich gebracht, als er seine Flugzeuge nach Bagdad sandte.“

Nicht nur die meist älteren muslimischen Herren, die Blair gestern in die Downing Street lud, lebten in einem Zustand der Verdrängung, was die Stimmung der Generation ihrer Kinder angeht – so löblich es ist, dass sie nun den theologischen und intellektuellen Kampf gegen den Faschismus in ihren Reihen aufnehmen wollen.

Auch Blair selbst lebte bisher in einem Zustand der Verdrängung, weil er nicht erkennen wollte, wie tief die Wunde Irak geht. Sein Versuch, zur Tagesordnung überzugehen – Afrika und Klimawandel –, ist an den Selbstmordattentätern von London und Bagdad gescheitert. So falsch es ist, mit dem Irakkrieg die Bomben von London zu entschuldigen, so falsch ist es , so zu tun, als hätte das eine nichts mit dem anderen zu tun. Das hat der Bericht des Think Tanks „Chatham House“ in Erinnerung gerufen. Gestern erfuhr man, dass es auch die nüchterne Analyse der britischen Geheimdienste war.

Was folgt daraus für Blair? Im Irak und in Afghanistan ist er zum Erfolg verdammt. Alles hängt davon ab, dass dort demokratische, moderne, muslimische Staaten entstehen. Aber das wird dauern. Bis dahin kann Blair etwas anderes tun: Seine legendäre Überzeugungsgabe zu Hause in den Dienst seiner eigenen Sache stellen und den britischen Muslimen erklären, wie er die Zukunft der muslimischen Nationen sieht – vor allem im Irak und in Palästina. Leicht wird das nicht. Die älteren Herren aus den Moscheen können ihm nach Kräften helfen. Ihnen die Arbeit zu überlassen, wird nicht genügen.

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