Meinung : Do Widzenia!

Ein Abschied aus Polen nach fünf Jahren als Korrespondent für den Tagesspiegel / Von Thomas Roser

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Die Umzugskisten sind gepackt, die letzten Flaschen geleert, das lang gehortete Archiv endlich im Altpapiercontainer entsorgt. „Du machst einen Fehler – und stürzt dich ins Unglück,“ warnt Nachbar Zygmunt. „Warum verlässt du uns?“, fragt seine Frau Elzbieta. „Wer schaut mit mir nun Fußball?“, klagt der Kollege. Sie verstehe mich, sagt Freundin Ela: „Du bist so, wie du bist. Aber ich bin sauer.“

Die Klagen der Freunde sind verständlich. Zum Abschied aus Polen zwingt mich niemand. Der Umzug ist das selbst gewählte Los des Korrespondenten. Den einst frischen Blick aufs Gastland hat nach fünfeinhalb Jahren ein wenig die Gewohnheit getrübt. Nun harren andere Länder der Erkundung. Ich weiß das. Und doch fällt mir der Abschied aus Warschau schwer.

Wie im Zeitraffer erinnerte ich mich beim Packen an meine Jahre in Polen. Von Przemysl bis Swinoujscie, von Karpacz bis Suwalki durchkreuzte ich fast alle Ecken und Enden des Landes. Ich sprach mit Würdenträgern und Obdachlosen, Kirchendienern und Schwulenaktivisten, Kriegsopfern und Wende-Gewinnern. Im Dienst der Zeitung kroch ich durch Bergwerkstollen, tauchte in Bierschwemmen und Hip-Hop-Keller und erklomm die Höhen der Tatra. Recherchen führten mich in Tanztempel und Leichenhallen, in Präsidentenpaläste und auf Müllhalden. Ich traf auf Armut und Wohlstand, Resignation und Selbstbehauptungswillen. Für den Papst schwitzte ich in Krakau. Für vermeintliche Revolutionen fröstelte ich in der Ukraine und in Weißrussland.

Nicht nur bei Gesprächen mit überlebenden KZ-Häftlingen und Widerstandskämpfern rückte mir der Zweite Weltkrieg sechs Jahrzehnte nach seinem Ende beklemmend nahe. Die offene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit war in der geschichtsbewussten Nation während der sozialistischen Ära tabu. Der Nachholbedarf in Sachen Aufarbeitung erklärt aber nur zum Teil die Wucht des quälenden Ringens mit der Geschichte. Fast jede Familie hatte während der deutschen Besetzung Angehörige verloren. Rasch werden die Wunden des Krieges in Polen nicht vernarben.

EU-Gegner hörte ich vor dem Beitritt zum Brüsseler Wohlstandsbündnis unheilvoll vor dem „Euro-Gomorrha“ warnen, Bauern in Weltuntergangsstimmung über den Ausverkauf ihres Berufsstandes orakeln. Nach 2004 änderte sich indes das mit Mühe in die EU gelangte Land im Sauseschritt. Noch mehr Investoren begannen, Polen als bevölkerungsreichen Markt zu entdecken. Eine Völkerwanderung junger Facharbeiter, Handwerker und Akademiker machte sich umgekehrt nach Öffnung der dortigen Arbeitsmärkte in Richtung der britischen Inseln auf.

Dank der Billigflieger ist Europa den einst vor allem auf die USA orientierten Polen näher gerückt. Die Perspektiven haben sich geweitet. Berlin hat gleichzeitig die Funktion als das Tor zum Westen ein wenig verloren. London gilt jungen Polen dank der besseren Jobmöglichkeiten als die populärere Adresse. Auch an den Schulen ist eher Englisch als Deutsch gefragt.

Wie das Land hat sich auch das einst so spröde Warschau gewandelt. Immer mehr graue Fassaden verschwinden hinter einer dämmenden Styropor- und frischen Farbschicht. Neue Bürotürme künden von der wachsenden Wirtschaftskraft. Neue Clubs und Cafés bereichern Warschaus quicklebendige Kneipenszene. Sicher ist wie im ganzen Land nur eins: ein steter und rascher Wandel.

Geblieben sind hingegen die Turbulenzen auf dem Politparkett. Als ich 2001 nach Warschau kam, wurde gerade ein flüchtender Staatssekretär per Helikopter von einer Ostseefähre gefischt. 1001 Skandale und fünfeinhalb Jahre später sitzen Ex-Parlamentarier im Gefängnis, hegt die Partei eines Vizepremiers trübe Kontakte ins Neonazi-Milieu, während der Koalitionspartner durch die ranzigen Tümpel eines Sexskandals watet. Wie der Großteil des ermatteten Publikums haben auch die klügsten Köpfe des Landes der Politik längst den Rücken gekehrt.

Mit jeder Wahl scheint das Niveau im Sejm in noch tiefere Niederungen abzusinken. Ob korrupte Karrieristen, eitle Selbstdarsteller, engstirnige Polterpatrioten oder populistische Krakeeler: Als repräsentativ für das von mir erlebte Polen habe ich die hiesige Politikergarde selten empfunden. Doch egal, welche Amtsträger gerade sich und das Land blamieren: Die europäische Öffnung ihres Landes werden sich die Polen trotz ihres Patriotismus von den eigenen Politikern nicht mehr nehmen lassen.

Vorstöße zur Einführung der Todesstrafe, zur Abschaffung der Evolutionslehre an den Schulen oder gar der Königskür von Jesus Christus erwecken zwar den Eindruck, dass die Polen unterwegs auf einer Zeitreise in die Vergangenheit seien. Doch das Gegenteil ist der Fall. Polen modernisiert sich in atemberaubenden Tempo. Die Entwicklungssprünge, die das Land in den letzten Jahren gemacht hat, bleiben selbst gelegentlichen Besuchern nicht verborgen. Stets mehr Investoren drängen ins Land. Umgekehrt wissen sich Polens Unternehmen besser als vermutet gegen die EU-Konkurrenz zu behaupten.

Noch immer ist Polens Sozialsystem im Vergleich zu den Staaten Westeuropas löchrig, sind die Löhne niedrig, bleibt der Alltag für viele ein harter Überlebenskampf. Doch trotz aller Widrigkeiten pflegen Polen ihre Feste so lebensfroh zu feiern, wie sie fallen. Jeder Gast ist willkommen, egal ob vertraut oder als unbekanntes Mitbringsel. Ich weiß nicht mehr, auf wie vielen Hochzeiten und Namenstagen ich rote Barsztzsuppe löffeln und die Gläser klingen lassen durfte. Es ist der unbändige Lebensmut, der mir als rationalem Teutonen im gemeinsamen Alltag mit den polnischen Lebenskünstlern wohl am meisten imponierte. „Kommst du uns mal wieder in Polen besuchen?“, fragte mich zum Abschied die Blumenhändlerin. „Na pewno“, sagte ich – mit Sicherheit: Do Widzenia – auf ein Wiedersehen in Polen!

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