Dogan Akhanli : "Seine Moral ist am Boden"

Dogan Akhanli ist türkischstämmiger Schriftsteller in Deutschland. Die türkische Staatsanwaltschaft wirft dem 53-Jährigen die Beteiligung an einem tödlichen Raubüberfall vor.

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Foto: wikimedia
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Er wollte seinen schwer herzkranken Vater besuchen – am Ende konnte er nicht einmal zur Beerdigung gehen. Anfang August kam der türkischstämmige deutsche Autor Dogan Akhanli auf dem Flughafen in Istanbul an, es war sein erster Türkeibesuch seit seiner Flucht in die Bundesrepublik vor gut 20 Jahren. Vom Bosporus aus wollte Akhanli weiter nach Nordostanatolien reisen, in die Heimat seines Vaters.

Doch noch am Flughafen wurde er festgenommen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 53-Jährigen die Beteiligung an einem tödlichen Raubüberfall in Istanbul 1989 vor. Akhanli weist die Vorwürfe zurück. Obwohl die Beweislage äußerst zweifelhaft ist, muss sich der Schriftsteller vom kommenden Mittwoch an vor Gericht verantworten. Akhanlis Vater starb am vergangenen Samstag. Der Untersuchungshäftling erfuhr davon erst, als der 90-Jährige schon unter der Erde war.

Nicht nur deshalb wirkt das Verhalten der stark nationalistisch geprägten türkischen Justiz so, als ginge es ihr nicht um die Aufklärung eines Verbrechens, sondern um Rache. Nach dem Militärputsch von 1980, als viele Linke in der Türkei rücksichtslos verfolgt wurden, verbrachte Akhanli mehrere Jahre im Gefängnis und floh Anfang der 90er nach Deutschland, wo er eingebürgert wurde; seine türkische Staatsbürgerschaft wurde ihm aberkannt. Vor seiner Flucht soll Akhanli in Istanbul einen Raubüberfall auf ein Wettbüro angeführt haben, bei dem ein Mensch starb. Die Tat sei Teil eines Umsturzplanes einer obskuren Linksorganisation gewesen.

Akhanlis Anwalt Hadar Erol indes berichtet: Ein Hauptzeuge der Anklage sagte, er sei 1992 von der Polizei aufgefordert worden, den Autor als Täter zu nennen. Ein anderer gab an, er habe Akhanli unter Folter beschuldigt – doch die Staatsanwaltschaft will die neuen Aussagen nicht gelten lassen.

Was die Anklage antreibt, ist unklar. Möglicherweise soll ein Exempel an einem angeblichen linken Vaterlandsverräter statuiert werden. Vielleicht spielt auch Akhanlis Engagement in der für die Türkei sehr heiklen Armenierfrage eine Rolle. Laut Anwalt Erol haben sich zum Prozessauftakt viele Unterstützer aus Deutschland angesagt; Günter Wallraff und andere fordern seit Monaten die Freilassung Akhanlis. Anwalt Erol zufolge kann der Angeklagte die Unterstützung gut gebrauchen. „Seine Moral ist am Boden“, sagte Erol dem Tagesspiegel. Der Tod seines Vaters habe ihn schwer getroffen.

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