Meinung : Domino-Theorie der Gotteskrieger

Gabriele Venzky

Truppenkonzentrationen an der Grenze, Artillerieduelle in Kaschmir, politische Drohgebärden: Das Risiko eines Krieges zwischen den Atomwaffenstaaten Pakistan und Indien wächst. Und jetzt, wo es brenzlig wird, besucht Pakistans Regierungschef General Pervez Musharraf mehrere Tage den bewährten Verbündeten China. Ein gutes Zeichen, das Entspannung signalisiert - oder ein schlechtes, weil sich Musharraf womöglich Rückendeckung für einen Krieg holt?

Zum Thema Dokumentation: Kampf gegen Terror
Fotos: Osama Bin Laden, Krieg in Afghanistan
Die Militärstrategen behaupten, ein Krieg brauche zwei, drei Monate Vorbereitung; beide Staaten müssen ihre überdimensionierten Armeen - Indien 1,5 Millionen Mann, Pakistan 700 000 Mann - in Stellung bringen. Aber in Indien ist der Zorn groß. So groß, dass Delhi rasch zuschlagen möchte. Dabei ist Premier Atal Behari Vajpayee eigentlich ein besonnener und moderater Mann, der friedlichen Ausgleich sucht, nicht militärische Konfrontation. Er steht jedoch unter starkem Druck seiner kriegswilligen Partei, der hindu-chauvinistischen BJP. Deshalb hat Vajpayee angekündigt, Indien werde sich alle Optionen offen halten, auch wenn es ganz auf sich allein gestellt sei.

Ein bitterer Vorwurf an die USA. Nach den Selbstmordattentaten auf das indische Parlament mit 14 Toten hat Amerika zwar zwei pakistanische Islamisten-Gruppen, die Delhi verantwortlich macht, auf seine Terror-Liste gesetzt. Aber es zögert, offen Partei für Delhi zu ergreifen. Das hat Indien maßlos verstimmt und der kürzlich intensivierten Freundschaft einen Dämpfer versetzt.

Die Inder betonen, ihr Land - vor allem Kaschmir - sei seit vielen Jahren Ziel terroristischer Anschläge, nicht erst seit dem 11. September. Doch für das Pentagon und die CIA ist Pakistan derzeit der wichtigere Partner in der Anti-Terror-Allianz und in Afghanistan. Dabei hat Islamabad die Erwartungen der Amerikaner enttäuscht. Bei der Bekämpfung der Taliban und der Al Qaida hat der Geheimdienst ISI die entscheidende Mitarbeit verweigert; zuvor hatte er die Taliban groß gemacht. Dennoch hat das bankrotte Land rund drei Milliarden Dollar fürs Mitmachen erhalten; davon lassen sich leicht einige Millionen für den Kampf in Kaschmir und die Aufrüstung gegen Indien abzweigen.

Kaschmir ist für die Außenwelt ein vergessener Konflikt, so wie das Afghanistan bis zum 11. September war. Er hat jedoch nie aufgehört zu brodeln: mit fast täglichen Artillerieduellen über die Waffenstillstandslinie hinweg, mit einem guten Dutzend Toten pro Tag, mit Terror der militanten Islam-Organisationen und Gegenterror der indischen Armee, die eine halbe Million Mann in dem kleinen umstrittenen Territorium stehen hat. Es bedarf nur eines Funkens, um einen Krieg auszulösen - wie jetzt das Attentat auf Indiens Parlament. Die Atombomben auf beiden Seiten geben diesem Konflikt eine andere Dimension als dem in Afghanistan. Zudem streben die Gotteskrieger, die bin Laden und Al Qaida ausgebildet haben, jetzt nach Kaschmir. Sie wollen ihre Glaubensbrüder dort befreien. Ihr nächstes Ziel: Indien. Unter der eine Milliarde Menschen leben 140 Millionen Muslime - fast so viele wie in Pakistan. Blutige Zusammenstöße zwischen Hindus und Muslimen haben eine lange Tradition, doch neuerdings werden die Taliban und bin Laden auch in indischen Moscheen gefeiert.

Umso dringender ist eine Lösung für Kaschmir, nach 54 Jahren Streit. Vajpayee muss klar werden, dass Indien niemals Großmacht wird, wenn es seine Ressourcen in kleinlichen Vergeltungskriegen verschwendet. Pakistans fundamentalistischem Militär dient der Kaschmir-Konflikt als Daseinsberechtigung. Wenn beide Seiten nicht allein zur Vernunft kommen, muss ihnen von außen geholfen werden - wie Afghanistan.

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