Meinung : Doppelte Rechnungsführung

Was der Bestechungsskandal bei Siemens über die Interessen der Eigentümer aussagt

Ursula Weidenfeld

Die Aktionäre haben den Managern der Firma Siemens gestern bei der Hauptversammlung nur eine Ohrfeige verpasst: Vorstand und Aufsichtsrat wurden nicht mit den früher üblichen Mehrheiten entlastet. Der neue Siemens-Chef Klaus Kleinfeld versprach, jetzt werde alles aufgeklärt, der alte Siemens-Chef und heutige Vorsitzende des Aufsichtsrats, Heinrich von Pierer, versicherte sichtlich angespannt, er habe nichts gewusst.

Dass Siemens-Mitarbeiter Kunden Gefälligkeiten und Geld gegen Aufträge gegeben haben sollen, ist seit Wochen Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen. Angesichts spektakulär guter Zahlen ging man danach doch noch in erstaunlichem Einvernehmen miteinander um – nicht ohne dass die Aktionäre deutlich gesagt hätten, was sie als Eigentümer von ihrer Firma erwarten: gute Arbeit, saubere Methoden. Im Prinzip.

Dennoch steckt in den beiden Botschaften die ganze Doppelbödigkeit der guten Unternehmensführung. Oft genug kaufen Unternehmen ihre spektakulären Geschäftserfolge im Ausland mit – vorsichtig ausgedrückt – nicht ganz legalen Methoden. Und oft genug nehmen die Eigentümer das hin – weil ihnen die Resultate am Ende doch wichtiger sind als die moralischen Grundsätze, die in der Firmenverfassung stehen. Das gilt nicht nur für die Bestechungsaffäre. Das gilt auch für den unglücklichen Umgang des Siemens-Managements mit der Handysparte, die zuerst an BenQ verkauft und dann doch dichtgemacht werden musste.

Das Signal aber, dass man bereit ist, im schlimmsten Fall einmal auf ein Geschäft zu verzichten, ging von der gestrigen Siemens-Hauptversammlung nicht aus, im Gegenteil: Die Aktionäre applaudierten wegen der guten Zahlen und freuten sich mächtig über den geplanten Börsengang der Siemens-Tochter VDO. Siemens war der einzige Wert, der gestern an der Deutschen Börse gewaltig zulegte – trotz der Kritik, trotz der berechtigten Vorwürfe.

Nicht nur der Vorstand von Siemens hat offenbar die Methoden der doppelten Buchführung eigenwillig angewandt. Auch die Eigentümer des Unternehmens scheinen sich mit dem Spannungsverhältnis von Rekordgewinnen und der Art, wie sie zustande kommen, eingerichtet zu haben.

Der Fall Siemens wird die Gerichte in den kommenden Monaten ausführlich beschäftigen. Zu Recht. Die Aktionäre könnten diese Zeit nutzen, um ihre eigenen Erwartungen an das einstige Vorzeigeunternehmen der deutschen Wirtschaft einer kritischen Prüfung zu unterwerfen.

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