Meinung : Draußen vor der Tür

„Wir missionieren nicht“ vom 3. September Als ehemalige Schülerin des Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster möchte ich ein paar Dinge zum Interview hinzufügen. Es ist klar, dass die Positionen der Schulleiterin den tatsächlichen Alltag einer Schule nur ausschnitthaft und zudem beschönigend wiedergeben. Es gibt dabei viele Dinge, die so für sich zutreffen, in der Realität jedoch gänzlich andere Formen annehmen.

Da wäre die „soziale Kompetenz“ der Schüler. Es stimmt, innerhalb der 10. Klasse haben wir ein Sozialpraktikum absolviert, welches eine interessante Erfahrung für uns darstellte. Dass diejenigen, die an einer von der Schule organisierten Fahrt teilnehmen, dabei nicht automatisch zu besseren Menschen werden, ist offensichtlich. Das humanistisch-christliche Ideal, das gerne als Aushängeschild unserer Schule fungiert, ist den meisten Schülern herzlich egal.

So steht es auch mit dem Glauben. An der Schule gehen die Wahrnehmungen davon, inwiefern man mit der Vermittlung des Christentums umzugehen habe, weit auseinander. Ab einem bestimmten Punkt, vermutlich mit zwölf und dem Einsetzen der Pubertät, empfand ich die wöchentlichen Andachten mehr oder weniger als Tortur. Das ewig Traditionelle, die als nahezu selbstverständlich vorausgesetzte Religiosität – nur, um schließlich vom aufsichthabenden Lehrer dazu aufgefordert zu werden, die Hände beim Vaterunser gefaltet zu lassen.

Wobei die meisten unserer Lehrer, zumindest im Unterricht, was Glaubensfragen anging diskussionsbereit und alles andere als dogmatisch waren. Was das Unterrichtsfach Altgriechisch betrifft: Sicherlich gab es immer diejenigen, die es „viel schöner als Latein“ fanden. Aber meiner Erfahrung nach war das die Minderheit. Der Großteil von uns empfand das Lernen der griechischen Schrift, der Grammatik und der Aussprache als Last. Während auf die altgriechische Philosophie aus zeitlichen Gründen kaum Bezug genommen wurde, gestaltete sich das Lernen oft nur als sinnloses Pauken für den nächsten Test. Zumal ich mich nun, nach meinem Abschluss, sehr wohl frage, was mir dieses jahrelange Einprügeln irgendwelcher Formen gebracht hat, wenn ich doch vielleicht gern in Spanien studieren würde und die Kenntnisse einer weiteren modernen Sprache dabei von Vorteil wären. Im Übrigen trifft das nicht auf Latein zu, denn dies war, trotz der vielen anstrengenden Stunden, eine Bereicherung.

Zuletzt noch zur „Insel der Seligen“: Gerade diese scheinbare Problemlosigkeit, mit der viele Schüler ihren Alltag meisterten, entwickelte sich zu einem Punkt, der meine Sicht auf die Schule nachhaltig beeinflusste. Es entstand eine Oberflächlichkeit, eine Blase der Privilegierten und Akademikerkinder, die nie erfahren mussten, was soziale Probleme bedeuten. Dabei spreche ich nicht von irgendeiner Individualsituation, über die zu urteilen ich mir nicht anmaße. Ich meine den scheinbar generellen Konsens, die „richtige“ Welt vor verschlossenen Türen zu halten – allein schon durch die Auswahl der Schüler in Bewerbungsgesprächen. Dass hierbei möglicherweise eine Generation herangezüchtet wird, die nicht in die Verlegenheit kommt, sich mit der Situation sozial gering Gestellter auseinanderzusetzen, finde ich fatal. Zugute halten will ich hierbei jedoch den Schülern (und auch meinem ehemaligen PW-Lehrer), dass sie politisch und mit Weitsicht interessiert waren.

Für mich bedeutet diese Zeit nach dem Abi, ein bisschen Realität aufzuholen, bevor mit der Uni der nächste akademische Wahnsinn beginnt. Im Großen und Ganzen bin ich meiner Schule für das vermittelte Wissen sehr dankbar. Nur mit der Art und Weise, in der das humanistische Ideal in den Himmel gelobt wird, dabei den tatsächlichen Gegebenheiten jedoch widerspricht, bin ich nicht einverstanden.

Anna-Maria Müller, Berlin

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