Meinung : Draußen vor der Wahlkabine

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Von Hellmuth Karasek

WO IST GOTT

Niemand hat mich, als ich noch jung war, eingeschüchtert, indem er, wenn ich mich allein wähnte, sagte: Gott sieht alles! Also habe ich, wenn ich heimlich naschte, pubertäre Selbsterforschung betrieb oder mit Lieschen am Waldrand war, mich nie beobachtet gefühlt. Nur einmal, als ich mutwillig an einem Sommermittag einen großen Käfer zertrat, da blinzelte mich, als ich aufsah, die Sonne höhnisch an, und ich erschrak wie nie zuvor, als wäre ich bei einer Schlechtigkeit gegen die Schöpfung ertappt worden.

Im Wahllokal, wo man allein ist, sah Gott auch nicht alles, denn ich durfte und musste zuerst in der DDR wählen und volksabstimmen – und Big Brother, der einen überwachte, ein irdisch strenger Gott statt des überirdischen, vertraute mir nicht. Oder so sehr, dass er mich bei der Wahl erst gar nicht allein ließ – ich sollte ja in offener Begeisterung (und heimlicher Furcht vor seinem Terror) für ihn stimmen – wie 99,9 Prozent aller seiner Untertanen: 0,1 Prozent Selbstbestimmung billigte er uns großzügig zu.

Als ich in den 50er Jahren endlich allein in der Wahlkabine sein durfte, wählte ich in Wahllokalen, in denen oft ein Kruzifix hing – ich war im christlichen Abendland angekommen. Doch noch immer dachte ich nicht, dass Gott alles sieht, und ich wusste auch nicht, was er gewählt hätte, wenn man auch in seinem n wählte. Ich hörte den zynischen Spruch, dass Gott immer bei den stärkeren Bataillonen sei – aber 99,9 Prozent, das gab es nicht mehr, und das beruhigte mich. Auch wenn es mich ärgerte, dass von der Kanzel und in Hirtenbriefen gepredigt wurde, wen man wählen solle, da doch Gott auch in der Wahlkabine die Übersicht behält. Ich habe also auch beim Wählen gegen Gottes Ratschluss verstoßen, weil ich Gottes Ratschluss nicht kannte und auch nicht glaubte.

Ein Kreuz jedoch habe ich jedesmal gemacht: frei, geheim, gleich. Und ich wusste, dass ich auch so frei war, kein Kreuz machen zu müssen.

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