Meinung : Drei Prozent sind ein schönes Ziel

Geht es der deutschen Wirtschaft (schon) besser als vermutet?

Dieter Fockenbrock

Auch das noch. Das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft ist im zweiten Quartal des Jahres deutlich hinter den Erwartungen geblieben. Grund sind die Verbraucher in den USA. Die haben sich offenbar ein Vorbild an den müden Deutschen genommen und das Geldausgeben eingestellt. Reicht die Dynamik der US-Wirtschaft jetzt noch aus, um die Weltwirtschaft in Fahrt zu halten? Müssen wir den leichten, aber hoffnungsvollen Konjunkturaufschwung in Deutschland schon wieder abschreiben?

Doch am selben Tag erfahren wir: Die Deutschen haben wieder Lust am Konsum gefunden – ein bisschen wenigstens. Die Einzelhandelsumsätze im Juni sind nach monatelangem Abwärtstrend erstmals wieder gestiegen. Selbst wenn das nur daran läge, dass der Kalender weniger Feier- und mehr Einkaufstage aufweist – die Deutschen hätten ja auch zu Hause bleiben können. Sind sie aber nicht.

Oder nehmen wir zwei der wichtigsten Branchen: den Maschinenbau und die Elektroindustrie. Die beschäftigen mehr als anderthalb Millionen Menschen in diesem Land. Diese Industriezweige berichten auch von zweistelligem (!) Zuwachs bei Auftragseingang oder Umsatz. Und sie revidieren ständig ihre Prognosen. Nach oben.

Werkzeugmaschinen oder elektronische Steuerungen verkaufen sich offensichtlich wie geschmiert. Nicht einmal der neuerliche Ölpreisschock und andere teure Rohstoffe wie Stahl können daran etwas ändern. Selbst in der chemischen Industrie, die steigende Rohöl-Kosten als Erste zu spüren bekommt und deren Branchenlage auch als Konjunkturindikator gilt, zeigt der Trend nach oben. Vieles spricht dafür, dass es der deutschen Wirtschaft schon besser geht, als die Statistik hergibt. Zugegeben: Die geschätzten 1,8 Prozent Wirtschaftswachstum für die Gesamtwirtschaft in diesem Jahr sehen nicht gerade wie der große und ersehnte Konjunkturdurchbruch aus.

Trotzdem scheint sich die Wirtschaft aufzurappeln aus einem fast vierjährigen Jammertal. Die Geschäftslage ist wieder so robust geworden, dass selbst der anhaltend starke Euro den Trend nicht mehr aufhalten kann. Und was haben wir gejammert, als der Euro-Anstieg gegenüber dem US-Dollar kein Ende nehmen wollte. Heute ist ein Wechselkurs von 1,20 normal. Nicht einmal die exportverwöhnten Wirtschaftszweige stimmen das Klagelied über das Ende der internationalen Wettbewerbsfähigkeit mehr an.

So scheint alles darauf hinzudeuten, dass die Konjunkturwende diesmal kein Strohfeuer ist, dass auch im nächsten Jahr die deutsche Wirtschaft wächst – und hoffentlich irgendwann auch neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Doch die guten Nachrichten dürfen über eines nicht hinwegtäuschen. Abkoppeln können wir uns nicht von den USA. Wenn die US-Wirtschaft einbricht, hat die exportorientierte heimische Wirtschaft ein Riesenproblem. Nur: Drei Prozent Wachstum sind immer noch komfortabel – und ein schönes Ziel für die Deutschen.

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