Meinung : Dreifach benachteiligt

Tissy Bruns

Es ist immer wieder einen Streit wert, wie familiäre und gesellschaftliche Verantwortung austariert werden kann. Das Alter, die Eltern zu achten, gebieten schon die steinernen Gesetzestafeln. „Du sollst“ heißt es da, gerichtet an den einzelnen Menschen. Die kulturelle Macht der Gebote drückt sich nicht nur darin aus, dass auch nichtreligiöse Menschen sie verinnerlicht haben. Die biblische Nächstenliebe hat ihren Niederschlag im modernen Sozialstaat gefunden. Die uralte Pflicht zur Wohltätigkeit gegenüber den Armen hat sich zum Recht entwickelt, im Fall von Krankheit, Arbeitslosigkeit, Alter gesellschaftlichen Schutz zu finden. Der CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla will nun eine Pflicht gutverdienender Kinder gegenüber arbeitslosen Eltern wieder einführen. Das ist, mit Verlaub, reichlich dumm.

Warum? Kinder kriegen sie doch alle, lautet der berühmte Adenauerspruch. Er irrte. Das Rentensystem hat sich wirklich als „Prämierung der Kinderlosigkeit“ erwiesen, die Adenauers Kritiker vorhergesagt haben. Heute ist offenkundig, dass längst nicht alle Kinder haben. Ja, man kann sagen, dass die Verantwortung oder Nichtverantwortung für Kinder zu einer Spaltungslinie der Gesellschaft geworden ist, an der über Einkommen, soziale Sicherheit, Durchsetzungsfähigkeit entschieden wird. Was bringt der Generationenvertrag den Jüngeren noch? Für die jungen Frauen, die heute zwischen Kinderwunsch und Beruf fast zerrissen werden, ist Pofallas Vorschlag ein echter Albtraum. Sollen die Nachteile auf dem Arbeitsmarkt, die Kinder immer noch bedeuten, am Ende von diesen Kindern dreifach bezahlt werden? Steuern, Sozialbeitrag, Elternzuschuss? Im Gegensatz zu Adenauer kann Pofalla aus der ihn umgebenden Wirklichkeit nicht einmal ein Recht auf Irrtum herleiten.

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