Meinung : Dresdner Betonköpfe

„Dresdner Pyrrhussieg“ vom 25. August

Noch immer schäme ich mich, dass meine Landsleute in Dresden mehrheitlich die Kulturbarbarei der klobig-massiven Betonbrücke über das Elbtal an seiner sensibelsten Stelle zugelassen haben und den schnöden Interessen der Beton-, Stahl-, Immobilien-, Verkehrs- und Politiklobby ihre Stimme gegeben haben. Auch unsere „Initiative Berliner Freunde der Kultur- und Wissenschaftsstadt Dresden“, die alle unsinnigen Argumente für den Brückenbau zu widerlegen versucht hat, ist an den Betonköpfen in Dresden und der sächsischen Landesregierung gescheitert. Es gab weder eine verkehrliche Notwendigkeit noch Gründe für die rigide Ablehnung der Alternative einer Tunnellösung. Wir konnten nachweisen, dass ein Tunnelbau möglich war und keinen Euro mehr gekostet hätte. Nicht einmal der letzte Rückzug, wenigstens eine filigrane Brücke über die einmalige und größte Auenlandschaft Europas zu bauen, wurde akzeptiert. Der Kampf gegen die Brücke wurde fast vier Jahre von vielen Menschen zäh und unter großen persönlichen Entbehrungen und Schmähungen geführt. Warum sonst haben sich an unserer Initiative über 2000 Berliner gegen diese Brücke engagiert? Es konnte eben nicht nur eine Angelegenheit der in Dresden und Sachsen Verantwortlichen sein. Die Bundesrepublik Deutschland war es vor allem, die in den 70er Jahren die internationale Vereinbarung über die Vergabe der Weltkulturerbetitel vorangetrieben hat. Um so dramatischer ist die Tatsache, dass bei weit über eintausend Titeln erstmals ein bereits vergebener von der Unesco wieder aberkannt wurde. Auch vernichtende Gutachten gegen diesen Brückenbau von unabhängigen Fachinstitutionen und die lange Geduld der Unesco haben nichts bewirkt. Es kann kein Zweifel bestehen, dass die hässliche Brücke mit ihren riesigen Auffahrtsrampen die wunderbaren Elbauen an ihrer größten Weitung brutal zerschneidet und die Harmonie und Erhabenheit dieser Stadtlandschaft durch Lärm und Abgase belastet. Es war Wahlkampf, als die endgültige Entscheidung getroffen wurde: Die Kanzlerin duckte weg, der Kulturstaatsminister Naumann hat sich kaum um die Angelegenheit gekümmert und der damalige, zuständige Außenminister und Kanzlerkandidat, Frank-Walter Steinmeier, vertrat die Auffassung, dass der Bau der Brücke Angelegenheit nur der Dresdner sei.

Heinrich von Kleist an seine Schwester: „Ich blickte von dem hohen Ufer herab über das herrliche Elbtal, es lag da wie ein Gemälde von Claude Lorrain unter meinen Füßen – es schien mir wie eine Landschaft auf einem Teppich gestickt, grüne Fluren, Dörfer, ein breiter Strom, der sich schnell wieder flieht – und der prächtige Kranz von Bergen, der den Teppich wie eine Arabeskenborde umschließt ...“.

Prof. Dr. Rolf Kreibich, Mitglied des Weltzukunftsrats, Berlin-Zehlendorf

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben