Dresscode : Grundrecht auf luftige Kleider

Ein Würzburger Gymnasium hat einen Dresscode für den Hochsommer erstellt. Unser Kolumnist Helmut Schümann wundert sich über das Menschenrecht auf ein sichtbares Arschgeweih und setzt auf die streikenden Klimaanlagen der Deutschen Bahn.

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Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Nun rollen die Züge wieder. Vorerst. Es ist Zeit, sich den drängenden Fragen der Zeit, das heißt, der Jahreszeit zu widmen. Diese Aufgabe hat zunächst einmal das Würzburger Deutschhausgymnasium übernommen. Der Sommer steht ja nun vor der Tür, da kann uns kein noch so dürftiger Thermometerstand irritieren. Und mit dem Sommer kommt der Hochsommer. Und die Überlegung, was anzuziehen ist. Es soll luftig und ansprechend zugleich sein, praktisch, aber nicht anstößig. Die Baggy Jeans ist gottlob weitgehend out. Das waren jene Pants, die nach oben knapp oberhalb der Kniekehlen endeten und auf diese Weise Unterhosenbünde und Arschgeweihe frei legten. Was für die hinter den Baggy-Hosen-Trägern gehenden Menschen nicht unbedingt erfreulich war. Wahrscheinlich hat der überwiegende Teil der Jugend der Welt inzwischen eingesehen, dass es ziemlich unbequem und eigentlich auch reichlich beknackt ist, sich ständig die Hose ein kleines bisschen über die Hüfte zu ziehen, damit sie nicht bis zur Wade und auf die Fesseln sackt und dadurch möglicherweise schmerzhafte Stürze verursacht.

Damit die Baggy Jeans auch weiterhin out bleibt, hat das Würzburger Deutschhausgymnasium einen Dresscode verfasst, eine Kleiderordnung für den Schulgang, einen umfassenden Knigge fürs angemessene Outfit.

Da wird festgelegt, dass unter der Jeans kein Slip oder Tanga hervorblitzen sollte und dass die Oberteile auch ein wenig länger reichen sollten. „Auch wenn dein Bauchnabel ein echter Hingucker ist, solltest du ihn nicht der Schulöffentlichkeit präsentieren“, heißt es. Wer gegen den Knigge verstößt, muss ein von der Schule gestelltes T-Shirt anziehen. Wobei nur zu hoffen bleibt, dass diese T-Shirts nicht beim Billig-Discounter erworben wurden. Die im Produktionsprozess eingesetzte Kinderarbeit kann auch in Würzburg kein pädagogisches Lernziel sein.

Wie nicht anders zu erwarten, regt sich aber ohnehin schon Widerstand. Man könne schließlich nicht alles mit ihnen machen, wettert die Gegenseite, man werde diesen Eingriff in die Grundrechte nicht hinnehmen. Ob sich die aufrechten Kämpfer für das Menschenrecht auf ein sichtbares Arschgeweih durchsetzen werden, ist noch ungewiss. Aber möglicherweise löst sich der Konflikt auf natürliche Weise. Wenn nämlich die Deutsche Bahn wieder ins Spiel kommt und in ihren Zügen im Hochsommer, wie gehabt, die Klimaanlagen reihenweise in Streik treten.

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