Meinung : Drogen werden immer eine Versuchung sein

Zum Plan von Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linkspartei), die Mengen für den straffreien Eigenbedarf von Cannabisprodukten zu erhöhen

Zehn Gramm? 15 Gramm? Legalisieren? Nicht legalisieren? Das sind unbenommen interessante Fragen für bisweilen lange Debatten Nichtbetroffener. Es geht jedoch – fernab von politischen Einstellungen und Grabenkämpfen in Senat und Presse – nicht um fünf Gramm mehr oder weniger. Es geht auch nicht darum, süchtige Konsumenten zu kriminalisieren. Es geht ums Ganze: darum, Farbe zu bekennen und Zeichen zu setzen, Gefahren aufzuzeigen und Hilfestellungen zu geben. Zu wissen: Nicht jeder endet in der Sucht, der mal Cannabis konsumiert. Und klarzustellen, dass sich die Zusammensetzung in den letzten Jahrzehnten nach und nach so verändert hat, dass Cannabis längst nicht mehr als harmlos eingestuft werden kann. Es geht darum, einen Trend und eine Denkweise zu etablieren.

Natürlich wird weitergeraucht trotz des flächendeckenden Rauchverbots. Natürlich wird getrunken. Und es wird weiter konsumiert werden, egal wie viel Gramm straffrei sind. Aber es wäre ein guter Weg, sich dem Thema sachlich und kompetent zu nähern, um Betroffenheit und Betroffensein noch rechtzeitig auseinanderhalten zu können.

Sandra Carbonell, Elternkreise drogenabhängiger Jugendlicher Berlin-Brandenburg e. V., Berlin-Schöneberg

Mit ihrem Plan, die Mengen für den straffreien Eigenbedarf von Cannabisprodukten zu erhöhen, hat Gesundheitssenatorin Lompscher unlängst für Aufsehen gesorgt. Bevor es zu einer aufgeregten Diskussion in der Bevölkerung kommt, sollten kurz die Fakten genannt werden, die für die Beurteilung der Sachlage nicht uninteressant sind. Wir sprechen von knapp 11 500 Drogendelikten im vergangenen Jahr in dieser Stadt, bei denen rund 70 Prozent Cannabisprodukte die Grundlage darstellten. Von knapp 9000 Tatverdächtigen wurde gut die Hälfte mit Marihuana und Haschisch angetroffen. Entscheidend ist der Hinweis, dass die überwiegende Anzahl davon (mehr oder weniger kranke) Konsumenten waren und demnach folgerichtig ca. 80 Prozent der Fälle von der Staatsanwaltschaft eingestellt wurden. Dies ist seit ca. 15 Jahren unter wechselnder Beteiligung aller Parteien an der Regierung Konsens.

Die neugierige und nach Grenzerfahrungen „süchtige“ Jugend wird nie gänzlich von legalen und illegalen Drogen fernzuhalten sein. Es gibt nur wenige Menschen, die nie etwas in dieser Richtung ausprobiert haben. Hier setzen aber unzählige Präventionsmaßnahmen bereits seit einigen Jahren erfolgreich an.

Die Politik ist aus meiner Sicht aber an anderer Stelle gefordert. So wäre eine bundeseinheitliche Grenzwertmengenregelung durchaus wünschenswert.

Die geringen Fallzahlen bei den Drogendelikten in Berlin stehen – wie immer wieder zu hören ist – im Widerspruch zur gefühlten Sicherheit, insbesondere im öffentlichen Personennahverkehr. Auch weil die Kriminalstatistik im Bereich der Betäubungsmitteldelikte stagnierende Zahlen ausweist, wird der Fokus auf die Drogenhändler ausgerichtet. Die Ermittlungen gegen sie erfordern ein hohes Maß an Einsatzzeiten, besonders ausgebildete und motivierte Beamte und moderne Technik. Durch die angespannte Sachmittel- und Personalsituation und die Notwendigkeit zur Bekämpfung anderer Kriminalitätsphänomene ist der Druck auf die Händlerstrukturen stadtweit nicht permanent aufrechtzuerhalten. Auch daraus resultierte ein nur schwer hinnehmbarer Rückgang von rund 20 Prozent bei den Handelstaten.

Thomas Paszkowiak, Leiter des Betäubungsmittelkommissariates in Berlin- Kreuzberg

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