Meinung : Düsseldorfer Synagoge: Hinschauen

Stefan Reinecke

Überreaktion, typisch deutscher Nationalmasochismus, Reflexpolitik - all das werden wir wohl nun zu hören bekommen. Denn der Anschlag auf die Düsseldorfer Synagoge am 2. Oktober wurde offenbar nicht von deutschen Neonazis verübt, sondern von zwei arabischstämmigen Antizionisten. Damals war Kanzler Schröder rasch nach Düsseldorf gereist und hatte einen "Aufstand der Anständigen" angemahnt. Die Öffentlichkeit war alarmiert - weniger weil der Anschlag so besonders professionell ausgeführt oder lebensbedrohlich gewesen wäre, sondern weil er ein Symbol zu sein schien - gerade am Tag vor dem zehnten Jahrestag der deutschen Vereinigung.

War also alles nur Übertreibung? Die schlichte Reaktion einer empörungsbereiten Öffentlichkeit? Haben wir die neonazistische Gewalt dämonisiert, vergrößert, aufgeblasen? Welche Lehren ziehen wir aus der voreiligen Zuschreibung des Anschlags auf die Düsseldorfer Synagoge und aus Sebnitz?

Ganz falsch wäre das scheinbar Naheliegende: rechte Gewalt nun schön- und kleinzureden. So wie es im Fall Sebnitz der sächsische Justizminister Kolbe (CDU) tut, der das ganze Problem Rechtsextremismus für maßlos übertrieben hält, und falls es doch so etwas im schönen Sachsen geben sollte, dann kommen die Neonazi-Führer aus dem Westen. Doch die no-go-areas für Ausländer existieren (vor allem im Osten) - und zwar unabhängig davon, ob die mediale Öffentlichkeit den ganz normalen Rechtsextremismus gerade für einen unfassbaren Skandal hält oder für eine Zwanzig-Zeilen-Meldung. Laut Verfassungsschutz ist die Zahl rechter Gewalttaten in diesem Jahr übrigens gestiegen.

Was also lernen aus Sebnitz und Düsseldorf? Vielleicht etwas über unsere medialen Gewohnheiten und Wahrnehmungsmuster. Sebnitz sagt viel über den Westblick auf den Osten - aber nichts darüber, wie gefährlich die Rechten im Osten sind. Zur Erinnerung: Vor gut einem halben Jahr, im Frühsommer, war Rechtsextremismus ein Thema für Fachtagungen. Eine Erscheinung, die bedauerlich, aber leider nicht zu ändern war. So wie schlechtes Wetter oder der Euro-Kurs. Dann geschah der Bombenanschlag auf russische Juden in Düsseldorf. "Ermordete Juden in Deutschland 2000" - diese Assoziation katapultierte das Thema ins Zentrum medialer Aufmerksamkeit, obwohl noch immer offen ist, wer die Tat beging. Um rechte Gewalt als Skandal zu empfinden, reichen ein paar erschlagene Obdachlose nicht aus. Die Tat muss irgendwie mehr an Auschwitz erinnern, um ins kollektive Bewusstsein einzudringen. Und dann ist die Frage, wer es wirklich war, nicht mehr so wichtig.

In dieser Wahrnehmungsstruktur steckt stets die Frage, was unser Selbstbild als geläuterte Deutsche besonders heftig ins Wanken bringt. Das gilt als Skandal, der Rest als nicht so schlimm. Was Rechtsextremismus ist, erfasst dieser Blick kaum.

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