Meinung : Durch den Wolf gedreht

Gerd Appenzeller

Nun haben sich die SPD-Parlamentarier im Berliner Abgeordnetenhaus mehrheitlich doch für eine Ehrenbürgerschaft Wolf Biermanns ausgesprochen. Lange hatte es so ausgesehen, als würden die Sozialdemokraten zusammen mit der PDS den gemeinsamen Oppositionsantrag abbügeln, den Liedermacher auszuzeichnen. Dieser geradezu unheimliche, demonstrative Schulterschluss zwischen der Partei Ernst Reuters und Willy Brandts mit den Postsozialisten hatte quer durch die politischen Lager zu fassungslosen Reaktionen geführt. Konnte es wirklich sein, dass 16 Jahre nach dem Fall der Mauer eine sich selbst als SED-Nachfolgerin verstehende Gruppe die Auszeichnung des von der DDR geächteten und verfemten Künstlers verhindern würde?

Denn was anderes als eine geradezu pervertierte Koalitionsdisziplin konnte hinter dem Nein der SPD zu Biermann vermutet werden? Es ist nicht so gekommen. Die Menschlichkeit hat sich durchgesetzt, und sie hat dank der Politik und der Bürger über die Parteifunktionäre gesiegt.

An der West-Berliner SPD-Basis war die sich abzeichnende Verweigerung der Ehrenbürgerschaft für Biermann zunehmend auf Unverständnis und verbalen Widerstand gestoßen. Da gibt es, sowohl auf dem linken als auch auf dem rechten Parteiflügel, noch genügend wache Erinnerung an Biermanns waffenlosen Kampf gegen die SED. Und da waren schließlich prominente Sozialdemokraten von Wolfgang Thierse über Markus Meckel bis zu Klaus Schütz, die ihre Partei aufrüttelten und vor dem ahistorischen Taktieren und Wegducken warnten. Für diesen Ehrenbürger, das steht fest, wird sich Berlin nicht schämen müssen. Er hat für die Freiheit der Stadt und des Landes fast alles gegeben – von seinen Gegnern wird das wohl nie jemand sagen können.

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