Meinung : Durch Lesen genesen

Pisa II zeigt: Sprachkompetenz und die Förderung von Migranten sind weiter ungenügend

Dorothee Nolte

Erst mal: Kompliment! Deutsche Schüler sind nach den Ergebnissen der neuen Pisa-Studie überdurchschnittlich gut im Problemlösen – nur in sechs anderen OECD-Staaten sind ihnen die Gleichaltrigen darin überlegen, etwa ein Bibliothekensystem zu verstehen oder die beste Strecke in einem U-Bahn-Netz zu finden. Das ist eine gute Nachricht, denn letztlich besteht das Leben darin, Probleme zu lösen. Am besten gäbe man also die gesammelten Schwierigkeiten des deutschen Bildungswesens in die Hände der Schüler, und sie wären flott vom Tisch.

Der erste Schritt, sich Probleme vom Hals zu schaffen, besteht ja darin, sie aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Studiert man etwa die Pisa-Ergebnisse in Mathematik, kann man zu der Ansicht gelangen, dass hier gar kein Problem vorliegt. Gut, Deutschland ist nicht in der Spitzengruppe, es ist Durchschnitt. Na und? Immerhin konkurrieren wir mit respektablen Ländern wie Frankreich, Korea, Finnland oder Kanada, warum sollten wir unbedingt an der Spitze liegen? Außerdem sind die deutschen Schüler in Mathematik um vier Plätze aufgerückt – vom 20. auf den 16. Rang. Es ist also durchaus möglich, durch eine Verbesserung des Unterrichts, wie sie nach Bekanntwerden der Tims-Studie 1997 eingeleitet wurde, die Leistungen zu erhöhen – dreigliedriges Schulsystem hin oder her.

Nicht zuletzt: Wer durchschnittlich bis schlecht in Mathe ist, kann zwar bestimmte Berufe nicht ergreifen, aber ihm ist nicht die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verwehrt. Anders, ganz anders sieht es aus, wenn jemand nicht in der Lage ist, einfache Texte zu verstehen. Doch genau hier gehen die echten Probleme los – dieselben, die bereits in der ersten Pisa-Studie 2001 zutage traten.

Die Lesekompetenz der deutschen Schüler hat sich nicht verbessert, noch immer erreichen 22,3 Prozent der Schüler nicht einmal die unterste Kompetenzstufe. Das braucht nicht zu überraschen, denn es lag zu wenig Zeit zwischen den Studien, als dass die Reformmaßnahmen hätten greifen können. Es zeigt aber erneut, dass hier der Schwerpunkt der Anstrengungen liegen muss: Sprache, Sprache, Sprache. Die deutschen Kinder müssen ihre Sprache auf einem vertretbaren Niveau gebrauchen können, denn auf ihr basiert alles Weitere. Und die Migrantenkinder müssen sie so frühzeitig und gründlich wie möglich erlernen.

Und das ist das zweite große Problem, das die Pisa-Studie aufzeigt, genau wie vor drei Jahren: Dem deutschen Vorschul- und Schulsystem gelingt es nicht, Migranten ausreichend zu fördern. Das zementiert soziale Unterschiede: Der Schulerfolg hängt stärker als anderswo mit der Herkunft zusammen. Beides schafft einen sozialen Sprengstoff, der auch diejenigen beunruhigen muss, die von dem System profitieren.

Es ist deprimierend zu hören, dass Migrantenkinder, die hier geboren sind, schlechter abschneiden als Kinder, die erst später eingewandert sind, vorher aber einen vernünftigen Unterricht in ihrem Heimatland genossen haben. 20 Prozent der Schüler in Deutschland gelten als „Risikoschüler“, gleichzeitig fließt traditionell viel Geld in die Gymnasien und wenig in Vor- und Grundschulen. Wie lässt sich ein solcher Widerspruch lösen? Durch eine Einheitsschule? Fragen wir die Schüler.

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