Meinung : Dutschke war Springer

Warum es richtig ist, dem wichtigsten 68er eine halbe Straße zu widmen

Harald Martenstein

An diesem Sonntag wird im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg darüber abgestimmt, ob der östliche Teil der Koch-Straße in Rudi-Dutschke- Straße umbenannt werden soll. Im Bezirksparlament, wo Grüne und Linkspartei über eine Mehrheit verfügen, war die Umbenennung bereits beschlossen worden. Die CDU, die in Kreuzberg nur eine Kleinpartei ist, hat gegen diesen Beschluss ein Bürgerbegehren auf den Weg gebracht. Dass Dutschke, der wichtigste Studentenführer der 68er Zeit, eine Person von historischer Bedeutung und mit Bezug zu Berlin ist, kann ernsthaft niemand bestreiten. Allerdings sei er, so sagt die CDU, „ein Gegner der Demokratie“ gewesen.

Dutschke, aufgewachsen in der DDR, war eine sonderbare Mischung aus deutschem Patrioten und protestantischem Moralisten, aus Radikaldemokratie und Neomarxismus. Tatsächlich kann man in seinen Schriften und Interviews Äußerungen zur Gewaltfrage, zum Terror und zur Demokratie finden, die damals wie heute ziemlich fragwürdig klingen. Das hat Dutschke allerdings mit vielen seiner Generationsgefährten gemeinsam, auch solchen, die später Bundesminister wurden.

Die 68er muss man weder verklären noch verteufeln. Gewiss, sie waren Maulhelden und Provokateure. Vieles von dem, was ihre Bewegung angeblich erreicht oder nach Ansicht ihrer Gegner kaputtgemacht hat, wäre in Deutschland ohnehin so gekommen, nicht als Folge der Studentenrevolte, sondern als Folge der Amerikanisierung, des sich entwickelnden Kapitalismus und des Verschwindens der Generation, die vom Krieg und den Nazis geprägt wurde. Wer die 68er und Dutschke aber pauschal in die Nähe des Terrorismus rückt, wie die CDU in Kreuzberg es tut, verhält sich genauso unintelligent wie jemand, der die CDU pauschal zur rechtsextremen Partei erklärt, nur weil an ihrem Rand hin und wieder bräunlich schillernde Existenzen auftauchen.

Dutschke war das Gegenteil eines antidemokratischen Gewalttäters. Er war ein Opfer, niedergeschossen von einem aufgehetzten Wirrkopf. „Bild“ und das hyperventilierende Berliner Kleinbürgertum jener Jahre sind an dem Attentat nicht unschuldig gewesen. Das macht den Vorwurf der Kreuzberger CDU gegen Dutschke so perfide. Selbstkritik wäre angemessener. Zu ehren ist Rudi Dutschke allein schon deswegen, weil er zu den Stammvätern einer wichtigen demokratischen Partei gehört, der Grünen.

Die Schlacht ist vorbei. Eine der Galionsfiguren des Axel-SpringerVerlages, der 92-jährige Ernst Cramer, hat bereits anerkennende Worte für Dutschke gefunden. Hoffentlich wird bald die Axel-Springer-Straße an die Rudi-Dutschke- Straße stoßen. Denn Springer und Dutschke waren sich, von heute betrachtet, ähnlicher, als sie ahnten – beide litten unter der deutschen Schuld des Nationalsozialismus und unter der deutschen Teilung, beide dachten sie patriotisch, aber auf eine unaggressive Weise, beide sahen sich selbst so sehr als moralische Riesen, dass sie nicht immer Verständnis für Andersdenkende aufbringen konnten.

Die scheinbaren Erzfeinde von 1968 wiedervereinigt: Das wäre ein schönes Sinnbild für ein gesellschaftliches Klima, in dem – außerhalb von Kreuzberg – sogar schwarz-grüne Koalitionen denkbar geworden sind.

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