Meinung : Eene, meene, muh

Gespräche über Koalitionen haben etwas Spielerisches. Wer nur stört, fliegt am Ende raus

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Vielleicht hat Bundeskanzler Gerhard Schröder mit VerdiChef Frank Bsirske, einem politischen Lieblingsgegner, mehr gemeinsam, als ihm bewusst ist. Zum Beispiel die Art, in Verhandlungen zu gehen. Der Stil, in dem Nicht-Wahlgewinner Schröder sich seit Sonntag in Positur wirft, gleicht exakt dem eines Gewerkschaftsführers, der Tarifverhandlungen beginnt.

Da werden mit großer Geste unrealistische Forderungen aufgestellt, durch deren Übermaß man den Gegner zu beeindrucken und zu erschrecken glaubt. Aber der hat natürlich auch eine kleine Schreckenskammer gut in Szene gesetzt, und am Ende einigt man sich relativ geräuschlos, freilich nicht ohne zu betonen, dass, a. man bis an die Grenze des Akzeptablen gegangen und, b. der Kontrahent der eindeutige Verlierer sei. Während diese Taktik in der Welt der Tarifverhandlungen längst so etwas wie ein Mannbarkeitsritual geworden ist, verstört sie in der Politik eher. Das hat Gerhard Schröder bereits zu spüren bekommen – für die Vorstellung, die er am Sonntagabend in der Elefantenrunde gab, setzte es durchgängig schlechte Kritiken. Die Wähler empfinden die Situation Deutschlands als ernst und sehen die Parteien in der Pflicht, sich zu einem Zweckbündnis zusammenzuraufen. Das fällt vor allem dem politischen Spitzenpersonal nicht ganz leicht. Wer im Wahlkampf seinen Kontrahenten zu sehr verteufelt hat, kommt nachher in Erklärungsnot, wenn er mit jemandem reden soll, vor dem er doch eigentlich das Kreuz schlagen müsste.

Und ohne reden geht es nicht. Der Sinn von Koalitionsgesprächen ist, Schnittmengen gemeinsamer oder ähnlicher Zielvorstellungen zu finden und nicht nur, das Trennende herauszuarbeiten. Wer unter Berufung auf den vermeintlichen oder tatsächlichen Wählerauftrag Kontakte mit einem denkbaren Partner grundsätzlich verweigert, ähnelt weniger einem klugen Taktiker als einem bockigen Kind.

Sicher haben Gespräche über Koalitionen immer auch etwas Spielerisches. Aber wer nur stört, fliegt am Ende raus. Wenn die persönliche Verhärtung der Gesprächsführer eine Einigung unmöglich macht, muss man eben das Personal auswechseln. Der elegantere Weg führt zweifellos über die Selbsterkenntnis. Als Joschka Fischer seinen Verzicht auf Partei- und Fraktionsämter bekannt gab, eröffnete er seiner Partei damit auch neue Verhandlungsoptionen. Wenn Gerhard Schröder, Guido Westerwelle oder Angela Merkel einer Koalitionsbildung im Wege stehen, aktiv oder passiv, wird man auf jeden von ihnen verzichten können.

Vor dem Hintergrund des Wahlergebnisses und der Spaltung in zwei in etwa gleich starke Lager müssten sich in einer wünschenswerten Koalition auf Veränderung drängende Parteien mit solchen zusammentun, die die soziale Komponente der Reformen nicht außer Acht lassen. Die denkbaren Kombinationen liegen also auf der Hand.

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