Meinung : Ehre, wem Ehre gebührt

Die „Kriegsverräter“ des Zweiten Weltkriegs werden nun doch pauschal rehabilitiert: Für Konservative bleibt das ein schwieriger Fall

Stephan-Andreas Casdorff

Der Bundestag schreibt Geschichte, zuerst im Rechtsausschuss, am 8. September dann im Plenum. Die Soldaten, die zur Nazizeit als „Kriegsverräter“ verurteilt wurden, werden rehabilitiert werden, und zwar pauschal. 68 Verurteilte konnten ermittelt werden. Jetzt soll mit ihnen Frieden gemacht werden. Auch Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) will diesen Schluss niemandem verwehren.

Lange, seit Kriegsende vor 60 Jahren, galt die Einzelfallprüfung. Die rot-grüne Koalition hatte sie zweimal bestätigt, 1998 und 2002. Neue Tatsachen gibt es seither nicht. Auch die SPD hatte Bedenken gegen die pauschale Rehabilitierung. Jetzt führt ihr Druck zur Verabschiedung. Und die Fraktion der Union macht mit, ob CDU oder CSU.

Was ein Schlusspunkt sein soll, kann aber nachwirken – unversöhnlich. Zum einen, weil viele Kriegsteilnehmer noch leben, die als Wehrmachtssoldaten sowohl unbescholten als auch tapfer gedient haben; die wird es verletzen, was der Bundestag sich vorgenommen hat.

Zum Zweiten, weil es der Union viele entfremden wird, die in ihren Werten konservativ eingestellt sind. Dazu gehört, dass für sie die Geschichte der Wehrmacht nicht nur unrühmlich ist. Das klingt nun zu weit weg, zu lange her, um das Thema zu sein, an dem sich eine Debatte um das Selbstverständnis von CDU und CSU entzündet. Und doch ist es brandgefährlich.

Denn nach ihrer Eigendefinition war die CDU (schon gar die CSU unter Franz Josef Strauß) immer die Bannerträgerin des wahrhaft Konservativen. Des Bewahrenden. Das liberale und das soziale Element kamen nur hinzu, waren nach 1949 und dem Abschied vom progressiven Ahlener Programm nie mehr die tragenden Elemente, sondern bloß weitere, um die Macht im Adenauer’schen Sinne zu verbreitern.

Geschichtspolitisches ist allerdings eine Domäne nicht allein der Linken. Die Konservativen sehen mit zunehmendem Unwillen, dass deren Sichtweise hegemonial wird. Wozu auch das Wort von den „Sekundärtugenden“ gehört, dessenthalben sich einmal der frühere Wehrmachtsoffizier und nachmalige SPD-Kanzler Helmut Schmidt hatte beleidigen lassen müssen. Das ist bis heute gerade in der Union unvergessen.

So erklärt sich zum Teil auch, warum es in der Unionsfraktion Unbehagen über den Beschluss zum Fall „Kriegsverrat“ gegeben hat. Doch nur einer, Norbert Geis von der CSU, hat sich geäußert; andere schweigen. Nicht dass diese Konservativen die Mehrheit wären, dennoch sind sie keine zu vernachlässigende Größe. Und sie fühlen sich allein gelassen von ihrer Partei (wenn sie noch mit ihr sympathisieren) und in ihrer Partei (sofern sie noch Mitglieder sind).

Absetzbewegungen sind aber unverkennbar, zumal es auf konservativer Seite in der Union niemanden mehr gibt, der Unmut befrieden könnte. Minister Jung nicht, und nun verlässt auch noch Jörg Schönbohm die Politik. Von ihm hat aber auch keiner ein Wort zur Sache gehört. Er will wohl die CDU im Wahlkampf nicht verraten.

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