Meinung : „Eigentlich bin ich ganz gut im Vergessen“

Martin Breutigam

Als Wesselin Topalow vor einem Jahr Weltmeister wurde, staunte die Fachwelt. Der Bulgare zeigte Schach auf höchstem Niveau: unbändige Kampfkraft und Ideenreichtum gepaart mit feiner Technik. Zwar gehört der 31-Jährige schon lange der kleinen Kaste der Supergroßmeister an, aber es gab stets ein paar Spieler, die eine Nuance stärker waren; etwa der gleichaltrige Wladimir Kramnik, dem Topalow zurzeit beim WM-Vereinigungskampf in Elista/Russland gegenübersitzt. In zwei Wochen wird sich nur noch einer von beiden Weltmeister nennen dürfen.

Noch vor zwei Jahren hatte niemand Topalow den Titel zugetraut, obwohl seine Spielkunst immer außer Frage stand. Aufgewachsen ist er in Russe an der rumänischen Grenze. Mit 14 wurde er Jugendweltmeister, mit 17 Großmeister und 2005 im argentinischen San Luis Weltmeister. Seine Eltern starben früh, er hat einen Bruder. Und er hat Silvio Danailow, seinen Manager und väterlichen Freund. Seit Topalow 16 ist, arbeiten sie zusammen; Anfang der 90er Jahre zogen beide ins spanische Salamanca, wo sie heute noch leben.

Vor sechs Jahren, als Kramnik überraschend Garry Kasparow als Weltmeister ablöste, war Topalow nur Neunter der Welt. Im Jahr 2004 begann sein Aufstieg; mittlerweile hat er fast alle bedeutenden Turniere gewonnen und Platz eins der Weltrangliste eingenommen. Wie war das möglich? Topalow sagt, er habe hart trainiert, sein Eröffnungsrepertoire umgestellt und mit psychologischer Hilfe seine „Angst vor dem Gewinnen verloren“. Andere vermuten, er könnte während mancher Partien unbemerkt Tipps von außen bekommen haben. Ein schlimmer Verdacht, den die Veranstalter in Elista so ernst nahmen, dass sie sich wie bei keiner WM zuvor gewappnet haben: Rund um die Halle sind Störsender im Einsatz, auf der Bühne trennt eine Glaswand die Zuschauer von den beiden Champions, und deren Ruheräume werden mit Kameras überwacht.

Nach vier von zwölf Runden liegt Topalow mit 1:3 Punkten zurück. Das Ergebnis spiegelt aber nicht die Partieverläufe wider. „Ich hätte meine Chancen besser nutzen müssen“, sagt Topalow. Einmal wäre es ganz einfach gewesen. „Doch wenn man ein Matt in drei Zügen nicht sieht, ist etwas nicht in Ordnung.“ Mithilfe eines Parapsychologen will er die Niederlagen aus dem Gedächtnis verbannen und zu einer seiner gefürchteten Siegesserien ansetzen. „Eigentlich bin ich ganz gut im Vergessen.“

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