Meinung : Ein Bild – kein Bild

Wie deutsche Zeitungen mit den Fotos der toten Saddam-Söhne umgingen

Gerd Appenzeller

Die „Welt“ hat es getan, und die „FAZ“ und die „Berliner Zeitung“. „Bild“ sowieso. Die „Süddeutsche Zeitung“ verzichtete darauf, der Tagesspiegel auch. Diese Zeitung, Ihre Zeitung, hat die Fotos der beiden getöteten Söhne Saddam Husseins gestern nicht gedruckt. Wir haben aus mehreren Gründen davon Abstand genommen, einen davon haben wir schon am Freitag benannt: Die Genfer Konvention hält dazu an, Bilder von Getöteten nicht zu publizieren, weil die Menschenwürde über den Tod hinausreicht. Die Berliner Zeitung hat ihre entgegengesetzte Entscheidung unter ausdrücklicher Ablehnung dieses Argumentes begründet. „Es wäre … grotesk“, hieß es dort in einem Kommentar, „wenn jetzt ausgerechnet um die beiden Saddam-Söhne eine stubengelehrte Diskussion über die Würde des Menschen geführt würde“.

Das ist immerhin ein Argument, dass man teilen oder zurückweisen kann. Die „FAZ“ hat ihre Leser mit solchen Überlegungen nicht belastet. Sie hat die Bilder publiziert und im Nachrichtentext nicht einmal darüber informiert, dass es auch in den Vereinigten Staaten selbst eine Debatte über die Zulässigkeit der Veröffentlichung der Fotos gegeben hat. Dabei ist es entscheidend für die Beurteilung, die Argumentation des Pentagons zu kennen.

Die USA wollten damit Zweifel an der Identität der Getöteten beseitigen. Den Irakern sollte durch die Fotos die Angst genommen werden, die Diktatorenfamilie könne weiter aus dem Untergrund an der Erneuerung der Gewaltherrschaft Saddam Husseins arbeiten. Der Mythos sollte zerstört werden – so, wie die bolivianische Armee 1967 durch die Verbreitung eines Fotos des erschossenen Che Guevara dessen Nimbus der Unbesiegbarkeit vernichten wollte. So, wie die Alliierten durch das Foto des toten Joseph Goebbels die unter Altnazis kursierenden Gerüchte zum Schweigen bringen wollten, Goebbels sei die Flucht gelungen.

Man kann die Begründung des Pentagons im Blick auf die irakische Öffentlichkeit nachvollziehen, auch wenn man ihre Wirksamkeit bezweifeln wird. Denn moderne Computertechnik macht jede Bildmanipulation möglich, ein Foto beweist heute wirklich überhaupt nichts mehr. Und es gibt ja aus Bagdad bereits unüberhörbare Stimmen des Zweifels. Um auch die zum Schweigen zu bringen, wird man nun die Leichname einer begrenzten Öffentlichkeit zeigen. Und irgendjemand wird auch das sicher wieder fotografieren …

Für eine Zeitung in Deutschland haben all die Überlegungen des Pentagon keine Bedeutung. Sie muss ihre Leser nicht durch ein so furchtbares Foto vom Tod der Saddam- Söhne überzeugen. Eines weiß die Redaktion des Tagesspiegel aber aus Erfahrung: Es gibt viele Leser, die der Menschenwürde abträgliche Bilder im Blatt aus tiefer Überzeugung ablehnen. Die Gefühle der Leser aber hat eine Redaktion zu respektieren.

Unter den Redakteuren des Tagesspiegel sind zudem die Ansichten darüber durchaus geteilt, ob es sich hier überhaupt um ein „Dokument der Zeitgeschichte“ handelt, bei dem man andere Maßstäbe anlegen dürfte – also etwa dann, wenn es ein Bild des toten Saddam Hussein selbst gewesen wäre.

Haben wir, auch das galt es ja sorgfältig abzuwägen, den Lesern des Tagesspiegel eine Erkenntnis vorenthalten, als wir die Bilder nicht druckten? Wir sind auch einen Tag danach noch immer sicher: Nein.

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