Meinung : Ein deutsches Doppel

Im Streit um die Sammlung Flick weist Heinz Berggruen die Richtung: in die Zukunft

Bernhard Schulz

Heinz Berggruen mag seinen Frieden gemacht haben mit dem Land, das ihn vor 68 Jahren schmählich ins Exil vertrieb – handzahm ist er darum nicht geworden. Die gestrige Verleihung der Ehrenbürgerwürde nutzte der 90-jährige Sammler und Mäzen, um ein deutliches Wort zum heftig wieder aufgeflammten Streit um Friedrich Christian Flick zu sagen.

Dessen Sammlung zeitgenössischer Kunst werde – so Berggruen – „eine große Bereicherung für uns alle sein“. Und, allen Kritikern Flicks ins Stammbuch geschrieben: „Lasst uns nicht, störrisch und mit Scheuklappen zurückblickend, von Sippenhaft vergangener Untaten und von Weißwaschen von Blutgeld sprechen, sondern tolerant und aufgeschlossen in die Zukunft schauen.“

Berggruens Worte haben Gewicht. Seit seiner Rückkehr nach Berlin vor acht Jahren ist er die moralische Instanz der Stadt in Fragen des Umgangs mit der unseligen deutschen Vergangenheit; nicht, weil er sich danach gedrängt hätte, sondern aus der Autorität seiner Biografie und seines Handelns heraus. Ungeachtet aller politsymbolischen Akte bedarf Berlin einer solchen Stimme der Versöhnung, die eben nicht Verdrängen meint, sondern Bewältigung im besten Sinne des Wortes.

Berggruen spricht nicht als Außenstehender, sondern schließt sich ausdrücklich ein in den Kreis derer, die sich auf die „Flick-Collection“ freuen. In genau dieser Perspektive eröffnet er den Weg zum angemessenen Umgang mit der heiklen Sache. Dass Berggruen seinen Sammlerkollegen – und Schweizer Nachbarn – Flick gegen die jüngsten Anwürfe in Schutz nimmt, sollte diesen, aber ebenso die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als glücklichen Empfänger der Flick-Sammlung, nicht zuletzt aber die verräterisch stumm gebliebene Politik zu ebenso klaren Stellungnahmen ermuntern.

Denn so unsäglich die „Blutgeld“-Kritik an Flick auch daherkam, so zeigt sich in ihr doch ein ernst zu nehmendes Unbehagen an der kurzschlüssigen Überlagerung der Familiengeschichte Flicks durch den Glanz der Kunst. Nicht ob der Enkel und Erbe in den Zwangsarbeiterfonds eingezahlt habe – wie Flicks Gegner als Bußleistung fordern –, ist die Frage; sondern ob die Berliner Präsentation der Sammlung deren gerade nicht nur familienhistorischen Hintergrund aufhellen wird. Berlin ist nun einmal der Ort auch jenes deutschen Regimes, das Zwangsarbeiter schuften und jüdische Mitbürger verfolgen ließ, das Flick senior Reichtum verschaffte und Heinz Berggruen der Heimat beraubte.

Die Kontinuität der deutschen Geschichte ist weder 1945 abgebrochen noch 1989, sie besteht vielmehr fort – wie sich im Streit um Flick und in der Ehrenbürgerwürde für Berggruen erweist. Das eine ist ohne das andere nicht zu denken; und das Unbehagen, das sich zu Flick äußert, ist nur die Kehrseite der Beglückung, mit der Berggruens Worte stets aufgenommen werden. Mögen sie auch diejenigen hören, die der neue Ehrenbürger Berlins gestern gemeint hat.

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