Meinung : Ein Haus voll von Schweiß, Spucke und Rückenklopfen

Von Pascale Hugues, Le Point

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Merkwürdige Dinge spielen sich ab in meinem Berliner Mietshaus, dessen Sitten mir immer als untadelig galten. Nehmen wir die Dame aus der zweiten Etage: eine Akademikerin, die ich bisher als respekteinflößend empfunden hatte. Irgendwann fiel mir auf, dass sie jeden zweiten Samstag mit einer kleinen Tasche über der Schulter das Haus verlässt. Eines Tages konnte ich meine Neugier nicht länger zügeln: „Und, Shopping? Kudamm?“, fragte ich beiläufig. Ein hinterhältiger Regen fiel, und sie hüpfte wie ein kleines Mädchen über den Bürgersteig. „Nee, Hertha“, entgegnete sie mit rebellischem Unterton. Gestern traf ich sie im Fahrstuhl. In ihren Augen flackerte etwas Beunruhigendes, und ihr Einkaufskorb war randvoll mit Chips und Zwiebelringen gefüllt: Grundnahrungsmittel, ohne die sie die nächsten Wochen auf ihrem Sofa nicht überstehen würde, flüsterte sie mir in vertraulichem Ton zu.

Mein Lieblingsnachbar aus der vierten Etage, ein stets zuvorkommender Gentleman, scheint es sich zur Pflicht gemacht zu haben, mir jeden Morgen, wenn wir uns am Briefkasten begegnen, zu versichern, dass er nicht an einen Sieg Frankreichs glaubt. „Künstler!“, stößt er hervor, und es klingt wie ein Vorwurf. Als ehemaliger Trainer sieht er sich alle Spiele alleine an. Er sagt, er müsse sich konzentrieren, und ich glaube, dass er mich im Grunde seines Herzens für mein Hausflurgeplapper verachtet: mich, die ich die Adlernasen der Italiener bewundere und Zidane sympathisch finde. Ich bin mir auch sicher, dass er es war, der eines Nachts auf Zehenspitzen die Treppe runterschlich, um ein riesiges BeckhamPoster an unsere Tür zu kleben, mit der Aufschrift „Nothing is impossible!“ Eine Maxime, die mich mehrere Tage intensiver ethischer Umerziehung kostete, um den Kindern zu erklären, dass das Leben Grenzen hat, und dass es weise ist, sie zu respektieren.

Für mich persönlich bedeutet Fußball die brutale Lehre, dass die Welt in zwei Hemisphären geteilt ist: die Männer auf der einen Seite, die Frauen auf der anderen. Mit 15 lebte ich als junges Au-Pair-Mädchen in einer englischen Familie. Als Peter, der blauäugige Neffe, mich eines Samstagnachmittags fragte, ob ich Lust hätte, mit ins Stadion zu kommen, glühte ich vor Glück. Dort angekommen stellte Peter mich wortlos am Geländer ab, neben einer Reihe blass-blonder, pubertierender Vamps in Mini-Miniröcken. Bei jedem Pass ihres jeweiligen Boyfriends stießen die Mädchen schrille Gluckser aus, um sich dann wieder ihrer Hauptbeschäftigung zu widmen: mit Hingabe ihre mandelförmigen Fingernägel mit bonbonrosa Lack zu bestreichen. Abruptes Ende eines frühen Flirts. Ich kehrte nach Frankreich zurück, mit der festen Überzeugung, dass mir so etwas nie wieder passieren würde. Bis zu diesem Juni in Schöneberg.

Während meiner zwangsweisen Quarantäne im hinteren Teil der Wohnung muss ich mir die Partitur der vokalen Ausbrüche aus dem Wohnzimmer anhören. Nachmittags werden meine Nerven besonders auf die Probe gestellt: Die acht Jungs des Hauses dribbeln mit ihren Bällen vom einen Ende des Hausflurs zum anderen. Cocu und Schweinsteiger, all diese Halbgötter mit den profanen Nachnamen, sind zu meinen Untermietern geworden. Und mein kleines häusliches Universum wird von einem Sammelsurium aus Fetischobjekten überflutet: Knieschoner, kleine Götzenbildchen, Geltuben, mit denen man coole Frisuren konstruieren kann – selbst die Pralinen, die ich während der Spiele austeile, haben die Form von Fußbällen! Die neue, animalische Körpersprache des Hauses besteht aus Schweiß, Spucke und Rückenklopfen. Ich vegetiere am Rande einer geschlossenen Männergesellschaft vor mich hin. Nutzlos. Vergessen. Untätig. Abends, wenn ich von einem Raum zum anderen irre und über das harte Los der Frauen meditiere, fühle ich, dass ich in großer Gefahr bin. Ich könnte zur Flasche greifen. Auf der Ablage im Badezimmer lauert ein kleiner Flacon mit blutrotem Nagellack.

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