Meinung : Ein Herz für Kinder: Alternativ - und konservativ

Hans Monath

Ich kenne keine Strömungen mehr, ich kenne nur noch Kinder-Politiker - so heißt bei den Grünen der jüngste Schlachtruf. Politiker aller Lager der Regierungspartei haben ihr Herz für Kinder entdeckt, vom höchst respektablen Außenminister bis hin zum letzten aufrechten Linken in der Bundestagsfraktion preisen sie alle einmütig das Ziel, Eltern durch Betreuungsangebote zu entlasten und finanziell zu unterstützen, den politisch noch Unmündigen eine Stimme zu geben, kurz: Deutschland, das nicht gerade als Kinderparadies gilt, zur kindgerechten Gesellschaft umzuformen.

Und das Schönste ist: Es funktioniert. Die Grünen haben endlich eine Querschnittsaufgabe für alle Felder der Politik gefunden, die die Flügel nicht weiter spaltet, das Elemente der (linken) Gerechtigkeitsfrage mit dem (vor allem konservativen) Ökologiegedanken verbindet und so dem manchmal sehr abstrakten Ziel der Nachhaltigkeit eine sympathische Anschaulichkeit verleiht. Wer vor globaler Erderwärmung warnt, ist nur ein Umweltschützer. Wer aber ein echtes Kind vor Abgasen oder giftigen Nahrungsmitteln bewahrt und zu seinem Recht verhilft, darf ganz sicher als vertrauenswürdiger Mensch und Politiker gelten.

Es ist auffällig, dass erst eine neue Generation heranwachsen musste, bis die Grünen die zentrale Bedeutung des Themas entdeckten. Von den Spitzenpolitikern der Partei lebt allein Fritz Kuhn mit seinen Kindern zusammen. Aber die meisten der Mitglieder der neuen flügelübergreifenden Arbeitsgruppe zur Familie, die sich vor wenigen Wochen zum erstenmal in Thüringen im Haus der Bundestagsabgeordneten Katrin Göring-Eckardt trafen, machen Erfahrungen mit eigenen Söhnen oder Töchtern.

Deshalb kündigt das neue Signal der Partei zumindest eine kleine kulturelle Wende an: Eigentlich bedeutet ja auch der Begriff der Nachhaltigkeit Selbstbindung, weil eben nicht jede menschliche Möglichkeit ausgeschöpft werden soll. Aber wo es um Lebensformen ging, war die Hauptbotschaft der Grünen bislang immer: Selbstentfaltung des Einzelnen geht vor Bindung. Auch wenn die Familien-Grünen nun betonen, dass für sie die traditionelle Familie kein bevorzugtes Lebensmodell sei, gilt doch: Kinder machen konservativer. Nicht zufällig sehen Vertreter der Schwulen- und Lesbenrechte in der Partei die neue Kinder-Botschaft mit gemischten Gefühlen.

Die Parteispitze stellt die Kinderthesen natürlich auch deshalb heraus, weil die Grünen im Wahljahr 2002 gut ein griffiges Etikett brauchen können, unter dem sich fast alle Ziele der Partei fassen lassen. Das Desinteresse jüngerer Wähler nimmt für den kleinen Regierungspartner Furcht erregende Züge an. Wer den flotten Westerwelles&Möllemännern da ein Thema entgegensetzen kann, bei dem diese wenig Glaubwürdigkeit beanspruchen können, hat schon einen Punkt gemacht. Familie ist modern, sie gilt heute - anders als noch in der Jugendzeit der meisten Spitzengrünen - den meisten Jüngeren als ideale Lebensform.

Der Partei kann die Kinder-Offensive also nur nutzen. Aber nutzt sie auch den Kindern? Allein die Höhe des Kindergeldes (langfristig wollen die Grünen 600 Mark) wird niemanden dazu bewegen, ein Kind in die Welt zu setzen. Und da auch Sparpolitik mit Generationengerechtigkeit begründet werden kann, dürfen die Grünen keine neuen Schulden machen, sondern müssen umverteilen. Das Ehegattensplitting wollen sie in eine Kinderförderung umwandeln, aber der Koalitionspartner SPD blockiert.

Die Spielräume sind eng. Und bei den absehbaren Verteilungskämpfen um eine Reform der sozialen Sicherungssysteme haben die Jüngeren angesichts der demographischen Mehrheitsverhältnisse und der gern ausgespielten Systemzwänge wenig Chancen, für sich Gerechtigkeit durchzusetzen. Zur Beantwortung dieser Machtfrage haben auch die Grünen noch kein Rezept bereit. Darum aber werden sie nicht umhin kommen, wenn sie es ernst meinen mit ihrer neuen Botschaft. Das Thema Umweltschutz war ihr ganz eigenes, weil sie es selbst entdeckt hatten. Für Wähler mit Kindern machen auch andere deutsche Parteien Angebote. Für die Kinder muss das nicht schlecht sein: Konkurrenz belebt das Geschäft - und vielleicht am Ende auch eine bis dato noch zu wenig kindgerechte Gesellschaft.

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