Meinung : Ein Jahr Präsident Putin: und keiner schaut hin

cvm

Haben deutsche Landtagswahlen womöglich nicht nur bundes-, sondern sogar weltpolitische Bedeutung? Jedenfalls verdrängten sie das Dienstjubiläum des russischen Präsidenten Wladimir Putin aus den Schlagzeilen. Erstaunlich, wenn man sich an das Rauschen im Blätterwald nach einem Jahr Jelzin, Gorbatschow oder Breschnjew erinnert - zumal tschetschenische Terroristen mit Bombenanschlägen lautstark auf den ersten Jahrestag der Putin-Wahl aufmerksam gemacht hatten. Die Indifferenz Russland gegenüber ist jedoch kein rein deutsches Phänomen. Amerikanische Zeitungen übergehen das Datum ebenso. Auch dafür könnte man nationale Gründe anführen: Der neue Präsident hat in den ersten Wochen im Weißen Haus nur seine innenpolitischen Prioritäten definiert. Seine Außenpolitik hat George W. Bush noch nicht klar umrissen, folglich lässt sich schwer über Russlands Platz spekulieren. Und die französischen, die britischen Medien? Abermals Fehlanzeige. Der wahre Grund ist in Moskau zu suchen. Der Kreml ist nicht mehr die Zentrale einer Supermacht, weder im Bösen noch im Guten. Breschnjews Sowjetunion, seine Aufrüstung sorgte für Ängste, Gorbatschows Glasnost und Perestrojka für Hoffnung, bei Jelzin gab es noch Träume ... Geplatzt. Aus und vorbei. Um Schrecken zu verbreiten, fehlt Russland die Kraft. Und für Attraktivität, für Anziehungskraft etwa auf Kapital die Substanz, die Beharrlichkeit bei Reformen. Putin verwaltet eine kleine Stabilisierung. In vielen Bereichen bedeutet das noch immer: Stagnation. Und Abschied von den alten Rollenmustern - heute von der "Mir" und übermorgen vielleicht auch vom imperialen Gehabe im Kaukasus.

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