Meinung : Ein klein wenig Großserbien

Vor der Wahl fängt Kostunica mit nationalen Tönen Stimmen

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Von Caroline Fetscher

Wenn Serbien am Sonntag seinen neuen Präsidenten wählt, kann Vojislav Kostunica sicher sein, einen satten Anteil von Nationalisten hinter sich zu scharen. Der bisherige Präsident der jugoslawischen Föderation hat seinen Wählern eingeheizt – mit ein wenig nationalistischer und rassistischer Rhetorik. Unlängst ließ er durchblicken, die in Bosnien lebenden serbischen Brüder seien nur „vorübergehend von Serbien getrennt“. Ein Schimmer von Großserbien sollte nochmal aufscheinen. Ist Serbien also auf Isolationskurs, statt sich dem Westen anzunähern?

Miroljub Labus heißt die Hoffnung der demokratischen Reformer, die Serbien in die westliche Wertegemeinschaft führen wollen. Junge, Gebildete und ethnische Minderheiten setzen auf den jetzigen Vizepremier Jugoslawiens, den auch die DOS-Fraktion von Zoran Djindjic unterstützt. Der dritte im Spiel kann Kostunica Stimmen kosten: Ultranationalist Vojislav Seselj tritt für die Radikale Partei Serbiens an. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen wird vorausgesagt. Wer Serbiens neuer Präsident wird, entscheidet sich möglicherweise erst im zweiten Wahlgang. Die Vorwahlzeit zeigt, wie sehr Serbien noch mit sich hadert und sich selbst im Weg steht. Westliche Politik, die einen Schlingerkurs zwischen dem stillschweigenden Akzeptieren nationalistischer Ansprüche und dem Drängen auf Demokratie fährt, hat dazu sicher beigetragen.

Der Angeklagte Milosevic indes ruft aus der Haft zur Wahl von Seselj auf und denunziert den Westen. Der Vatikan habe Kroatien aus der Föderation gelöst, Söldner und französische Spione seien verantwortlich für das Massaker in Srebrenica. Doch die Anklage hat im Fall Kosovo einige schlüssige Beweisketten aufgebaut. Sie kann selbstbewusst in die eben begonnene zweite Phase des Verfahrens gehen. Selbst auf die eigene Bevölkerung wirken Milosevics Komplott-Theorien auf Dauer ermüdend. Auch wenn ihm immer noch viele Serben weniger die Verbrechen übel nehmen als das gebrochene Versprechen auf ein mächtiges Serbien.

Die Arbeit des Tribunals ist in mancher Hinsicht leichter als die westlicher Diplomaten. Der Urheber einer großserbischen Ideologie lässt sich überführen. Nicht die Ideologie selbst. Ihr müssen Europas Politiker konsequenter und mit klareren Worten entgegentreten, damit Demokratie in Serbien tatsächlich eine Chance bekommt. Weil derzeit andere Weltgegenden im Vordergrund stehen lässt man Jugoslawien eher schleifen. Diese Haltung könnte sich bitter rächen.

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