Meinung : Ein kleines Wunder – schon vor Pfingsten

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TRIALOG

Pfingsten ist – den biblischen Texten nach – das Fest der Sprachwunder. Die auf die Hybris des Turmbaus zu Babel folgende allgemeine Verwirrung der Sprachen wird aufgehoben zu Gunsten einer neuen charismatischen Gemeinschaft, in der sich alle plötzlich wieder verstehen und „eines Sinnes“ sind. Es geht also um das Glück überraschender ungewöhnlicher Verständigungen. Aus dieser Tradition heraus fanden seit Beginn des 20. Jahrhunderts zu Pfingsten die Treffen der Jugendbewegten und der charismatischen Gruppen statt. Sogar noch die Pfingsttreffen der Vertriebenen hatten lange etwas von diesem jugendbewegten Verständigungs- und Gemeinschaftscharakter – bis sie dann zum Ort ganz anderer gröberer Sprachgewohnheiten und zum Raub von parteipolitischen Interessen wurden. Wo dieses Interesse zunimmt, muss meist der Geist weichen.

In diesem Jahr kommt es mir so vor, als ob das Pfingstereignis einige Tage früher eingetreten wäre. Aber ungewöhnlich, aufrüttelnd und neue Verständnishorizonte aufreißend war es auch. Ich denke an die Tage nach dem Attentat, als die Stadt Erfurt ihre Sprache wiederfand. Es waren beeindruckende Bilder, Reden und Texte. Gesten, Haltungen, viel Schweigen auch. Es war der Brief der Angehörigen von Robert Steinhäuser, die ihre Sprache wiederfanden, auch wenn sie noch nicht die Kraft gefunden hatten, um ihren Sohn und Bruder zu trauern. Und die zornigen Worte einer Schülerin, die endlich mit ihren Freunden und ihrer Trauer allein sein wollte, ohne immer eine Kamera im Gesicht kleben zu haben.

Das Erstaunliche an diesen Reaktionen der Erfurter Bürger auf das Unfassbare war die Ruhe, die sie bei aller Hilflosigkeit ausstrahlten. Es brauchte nur wenige Tage, um zu begreifen: Diese Stadt wird nicht im Inneren zerbrechen. Und weil es darum ging – um diese Vergewisserung einer Gemeinsamkeit im Inneren – reagierten so viele Erfurter mit erstaunlich wacher Sensibilität auf jede marktschreierische Medienvermarktung ihrer Trauer. In dieser Haltung ähnelten die Erfurter Bürger übrigens ganz der nach innen gewendeten Haltung der Bürger von New York unmittelbar nach dem 11. September.

Jetzt wird versucht, aus dieser Erfahrung neuer Bedrohung und neuer Gemeinsamkeit Konsequenzen auch für den Bereich der Medien und der elektronischen Welten selbst zu ziehen. Ein schwieriges Unterfangen. Pfingstwunder kann und wird es hier nicht geben. Ist Gewalt in Bild und Wort die vorherrschende Sprache der Medien? Dürfen und sollen sie Gewaltszenen zeigen? Springt die Gewalt auf diese Weise leichter vom Medium über in die Sphäre des realen Lebens?

Ich glaube, hier liegt nicht die entscheidende Gefahr. Kein Medium der Welt wird auf Dauer – und sei es aus den edelsten pädagogischen Gründen – davon abzuhalten sein, jedes Bild der Welt widerzuspiegeln, das die Welt wirklich zeigt. Wo Gewalt ist, wird sie ihr Abbild finden.

Die wirkliche Gefahr der Medien liegt in ihrer Möglichkeit, Kampagnen und Jagden zu inszenieren und ihnen ein Ziel vorzugeben. Medien können eine Arena bilden, manchmal sogar weltweit, in der sie die Sündenböcke aufrufen, die geopfert werden sollen für ein falsches Gemeinschaftsgefühl. Bei solchen Jagden wird der Zuschauer zum Mittäter, Mitläufer, Voyeur. Er wird zum Teil eines dumpfen Kollektivs. Nicht was sie abbilden und zeigen, ist das Problem der Medien. Jene unsichtbare Bereitschaft, die sie wachrufen, war schon vorher da. Es ist derselbe Stoff, den die rechten Populisten nutzen.

Antje Vollmer ist Vizepräsidentin des Bundestages und Grüne. Sie schreibt diese Kolumne im Wechsel mit Richard Schröder und Wolfgang Schäuble.

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