Meinung : Ein Königreich für einen Euro?

Matthias Thibaut

Europa wartet auf die Briten. Nun, wo alle den Euro lieben, sollen sie aufhören, so genierlich zu sein. "Wir wollen, dass die Briten beitreten" ermunterte Finanzminister Hans Eichel die Leser des "Daily Telegraph" - ein Blatt, dem der Euro-Beitritt ein noch größeres Gräuel ist als ein Verbot der Fuchsjagd mit Hunden. Zwei historische Aufgaben hat sich der britische Premier gesetzt. Frieden in Nordirland und Britanniens Einzug in den Euro. Dann, so Blairs Traum, könnte er das Regierungsruder seinem Rivalen Gordon Brown übergeben und zu neuen Ufern aufbrechen. Zum Beispiel als der großkalibrige Kommissionspräsident, den sich die EU schon immer wünschte.

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Ein bisschen sieht es so aus, als habe Blair sich auf diesen Königsweg begeben. Jedenfalls schickt er seinen Europaminister Peter Hain voraus. Der Euro-Beitritt sei "unvermeidlich", sagt Hain. Sollen die Briten etwa spröde abseits stehen, wenn Euroland bald 24 Mitglieder hat? Gewinnen jedenfalls könnte Blair ein Referendum. 40 Prozent der notorisch euroskeptischen Briten würden laut der jüngsten Umfrage für den Euro stimmen, sofern Schatzkanzler Brown das wirtschaftliche Unbedenklichkeitszeugnis ausstellt. Brown hat diese "Testergebnisse" für Sommer 2003 versprochen. Nur - so viel Zeit bleibt nicht. Bis spätestens November 2002 muss Blair das Referendum anmelden, wenn er das Euro-Problem vor der nächsten Unterhauswahl 2005 lösen will.

Die Briten allerdings ereifern sich im Augenblick weniger über den Euro als über die 94-jährige Mrs. Addis, die drei Tage mit blutigen Socken in einer Londoner Unfallstation liegen musste. Nicht nur linke Labourabgeordnete fürchten, dass ein aufreibender Kampf um den Euro die Regierung von Wichtigerem ablenken würde. Labour wurde für die Reform des Gesundheitssystems, der Schulen, des Verkehrs gewählt - der Euro ist Nebensache. Zudem möchte London die EU-Reformen verwirklicht sehen, bevor die Insel dem Euro beitritt. Die Regierung drängt auf Weichenstellungen unter der spanischen EU-Präsidentschaft. Aber Hoffnungen macht man sich angesichts der Wahlen in Deutschland und Frankreich wenig. "Unvermeidlich" korrigierte Blair seinen Europaminister, sei Großbritanniens Eurobeitritt keineswegs. Eine führende Rolle in Europa könne Großbritannien auch ohne Euro spielen.

Und was ist mit der große EU-Verfassungsreform in 2004? Blair könnte das Euro-Problem schnell vom Tisch bringen, bevor er mit den Visionären vom Kontinent in neue Grabenkämpfe verwickelt wird. Aber er könnte ein Referendum auch andersherum hinausschieben und als heimliches Druckmittel benutzen. Denn Euroland braucht die Briten mindestens so sehr, wie die Briten den Euro brauchen. Sie haben bisher ohne die neue Währung gut überlebt. Warum sollten sie sich gerade jetzt zur Eile drängen lassen? Schließlich ist auch die Fuchsjad - fünf Jahre nach Labours Amtsantritt - noch nicht verboten worden.

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