Meinung : Ein Kontinent ruiniert sich selbst

Flucht nach Europa: Afrikas Regierungen verspielen die Zukunft ihrer Bevölkerungen

Wolfgang Drechsler

Man muss kein Pessimist sein, um zu ahnen, dass die neue Afrika-Strategie der EU keine nachhaltige Wende im Verhältnis beider Kontinente mit sich bringen wird. Zu oft schon haben Europäer und Afrikaner Pläne für eine neue Partnerschaft geschmiedet – konkret geschehen ist indes wenig. Ausdruck findet das Scheitern solcher Strategien ganz aktuell in der steigenden Zahl illegaler Migranten aus Schwarzafrika, die mit Macht über Marokko nach Europa drängen.

Auf der Suche nach den Gründen für den Ansturm der Afrikaner war zu erwarten, dass sich viele im Westen zunächst an die eigene Brust schlagen würden. Denn seit dem Ende der Kolonialzeit pflegt Europa gegenüber Afrika einen Schuldkomplex, der eine nüchterne Einschätzung der Misere im Süden der Sahara erschwert. Latent vorhandene Schuldgefühle haben auch dazu geführt, dass Europa auf repressive Regime in Afrika kaum Druck ausübt – und damit nur allzu häufig den Status Quo zementiert.

Nach einer Studie von Human Rights Watch sind allein in Angola zwischen 1997 und 2002 mehr als vier Milliarden Dollar an staatlichen Öleinnahmen spurlos verschwunden. Der unauffindbare Betrag entspricht den gesamten Sozialausgaben in dem Zeitraum, einschließlich der immensen Summen, die Geberländer und private Spender ins Land pumpten. Es überrascht deshalb auch nicht, dass in dem bitterarmen Land einige wenige Leute steinreich sind. Nach Recherchen der Economist Intelligence Unit gibt es 39 Individuen, die mindestens 50 Millionen Dollar besitzen – und 20 weitere mit mehr als 100 Millionen Dollar.

Aber selbst Diktatoren, die ihre Länder in den Ruin treiben, die Genozid dulden oder gar fördern, werden im Westen oft nur als Politclowns verlacht. Dabei reicht es nicht aus, bisweilen die Korruption anzuprangern, sich aber vor schärferen Auflagen gegenüber Unrechtsregimen meist zu drücken.

Niemand will bezweifeln, dass der Westen effektiver helfen könnte. Doch seine Konzerne sind fast nur an Afrikas Rohstoffen interessiert: Von den 18 Milliarden Dollar, die vergangenes Jahr an Direktinvestitionen nach Afrika flossen, kamen 90 Prozent der Ölindustrie und dem Bergbau zugute. Gleichzeitig erhebt der Westen auf viele afrikanische Agrarprodukte hohe Importtarife und unterhöhlt damit einen der wenigen Wettbewerbsvorteile dieses Kontinents.

Dennoch wäre es zu simpel, Europa pauschal fehlenden Willen bei der Bekämpfung der Armut vorzuwerfen, wie dies Südafrikas Präsident Thabo Mbeki gerade getan hat. Afrikas Regierungen, so Mbeki, hätten Europa wiederholt gedrängt, Partnerschaften mit den armen Ländern einzugehen, um dadurch die Lage im Süden zu verbessern. Dabei sind es Afrikas Eliten, die sich einer echten Partnerschaft mit dem Westen verweigern und sich von den Geberländern alimentieren lassen. Ganze Staatshaushalte werden auch fast 50 Jahre nach der Unabhängigkeit der ersten Staaten noch immer mit westlicher Entwicklungshilfe finanziert. Viel zu oft wird auch übersehen, dass Kapital in Afrika gar nicht so rar gesät ist, wie Mbeki gern behauptet. Allein in den Neunzigern lag die Kapitalflucht aus Afrika bei rund der Hälfte dessen, was der Kontinent zur Ankurbelung seines Wirtschaftswachstums braucht. Offenbar haben auch viele Afrikaner kein Vertrauen in die eigenen Regierungen.

Häufig tendiert die Eigeninitiative vieler Staaten gegen null. Ob Bildung, Gesundheit, Infrastruktur oder Zugang zu Trinkwasser – Afrika fällt als einziger Kontinent immer weiter zurück. Noch mehr Geld wird hier nicht helfen. Um in Straßen, Schulen oder Krankenhäuser zu investieren und die Lebensqualität zu heben, braucht Afrika vor allem Strukturen, die diese Bezeichnung verdienen. Trotz einzelner Lichtblicke ist von funktionierenden Verwaltungen wenig zu sehen, Selbst in Südafrika hat sich die Lage durch den überstürzten Austausch von Weißen durch unzulänglich ausgebildete Schwarze dramatisch zugespitzt.

In den meisten afrikanischen Ländern behindern aufgeblähte Verwaltungen die Entfaltung des Privatsektors. Auch hat der Transfer immer neuer Hilfsgelder nur dazu geführt, dass Afrikas Regierungen sich gar nicht erst bemühen, ihrerseits Wachstumskräfte freizusetzen und eine Unternehmerklasse zu fördern. Die fehlende Dynamik kommt auch darin zum Ausdruck, dass Afrikas Anteil am Welthandel zwischen 1960 und heute von 9 auf unter 2 Prozent geschrumpft ist. Gleichzeitig hat sich sein Anteil an der Weltbevölkerung von 9 Prozent auf heute fast 15 erhöht. Ohne ein anlegerfreundlicheres Umfeld werden die meisten Länder den Übergang von der staatlichen Entwicklungshilfe zu den benötigten Privatinvestitionen auch künftig nicht schaffen.

Obwohl der gegenwärtige Ölboom Afrikas größten Probleme lösen und einen Teil der Entwicklungshilfe überflüssig machen könnte, haben die Mehreinnahmen viele Krisen nur verschärft, allen voran im Sudan, aber auch in Nigeria, wo das jährliche Pro-Kopf-Einkommen in den letzten 25 Jahren von 800 auf 300 Dollar geschrumpft ist.

Eine echte Partnerschaft zwischen Europa und Afrika wird es erst dann geben, wenn aus der tiefen Krise des Schwarzen Kontinents und der Unfähigkeit korrupter Eliten ein echtes Problem- und Handlungsbewusstsein erwächst. Dabei geht es um Solidarität und Gemeinsinn, die, anders als bislang, über die Interessen von Familien, Volksgruppen oder befreundeten Despoten hinausreichen. Noch ist davon kaum etwas zu spüren. Und bis es soweit ist, werden immer mehr Afrikaner laut und vernehmlich an Europas Pforte klopfen.

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