Meinung : Ein Krieg bald wie der in Algerien

Die Disziplin der US-Truppen im Irak lässt nach: So begann die Niederlage Frankreichs / Von Andrew J. Bacevich

-

POSITIONEN

Senator Edward Kennedy nannte den Irak Präsident Bushs Vietnam. Diese Charakterisierung ist so vorhersehbar wie sie unzutreffend ist. Die Wahrheit ist in Wirklichkeit viel schlimmer: Irak wird sich möglicherweise zu Amerikas Algerien entwickeln.

Tag für Tag wird deutlicher, dass ein hässlicher Krieg noch hässlicher wird. Die in die Höhe geschnellten Verluste der US- und Koalitionstruppen sind dafür ein Indikator. Ein zweiter ist der Einsatz immer schwererer Waffen und die steigende Zahl irakischer Opfer, die oft nur unbeteiligte Zuschauer sind. Ein dritter Indikator ist möglicherweise der schlimmste von allen: Hinweise darauf, dass die Disziplin der US-Truppen nachlässt.

In einer Geschichte der Washington Post, die zu wenig wahrgenommen wurde, wird von einem weiteren Disziplinarverfahren gegen einen Bataillonführer der US-Armee berichtet. Beim ersten ging es um einen terrorisierten irakischen Gefangenen; beim zweiten um Soldaten, die zwei Festgenommene von einer Brücke in den Tiger geworfen haben, worauf einer der beiden ertrunken sein soll. Deren Vorgesetzte planten, diesen Bruch der Genfer Konvention zu vertuschen.

Das ist der Beginn eines urbanen Partisanenkampfes – eine Form der kriegerischen Auseinandersetzung, die sich von dem letzten Zusammentreffen mit Partisanen unterscheidet: In Vietnam kam es zu bitteren Kämpfen in unbewohntem Gebiet, wenn auch nicht selten in der Nähe von kleinen Dörfern und Siedlungen. Die Berge und Dschungel Südvietnams dienten den kommunistischen Partisanen als Rückzugsgebiet, Versteck und Basis. In den großen Städten kam es selten zu Kampfhandlungen, wie etwa bei der berühmten Tet Offensive 1968.

Im Irak ist die Situation umgekehrt: Die Landschaft zwischen den Städten, leeres Ödland, ist uninteressant für die Aufständischen. Die dichte und unübersichtliche Stadtlandschaft dient ihnen dagegen als ideales Operationsgebiet. Kein Wunder also, dass die Städte Falludschah und Bagdad Zentren des Widerstands gegen die Alliierten sind. Dort verstecken sich die Aufständigen, dort erhalten sie Unterstützung, dort planen sie.

Und das ist der Grund, warum die passende Parallele nicht Vietnam heißt, wie Kennedy fälschlicherweise meint, sondern Algerien. Im algerischen Unabhängigkeitskrieg, der 1954 begann und bis 1962 dauerte, spielten die Städte eine entscheidende Rolle. Die Hauptkämpfe galten der Hauptstadt Algier, die so zum Zentrum eines bitteren und andauerndem Kampfes zwischen algerischen „Terroristen“ und französischen „Ordnungskräften“ wurde.

Bei ihrem Versuch, die Front de Libération Nationale zu zerstören, mussten die Franzosen feststellen, dass ihre konventionellen Methoden versagten. Sich an die traditionellen Regeln von Krieg zu halten, stellte sich als enormer Nachteil heraus. In ihrer Frustration begannen die Franzosen einen „dreckigen Krieg“ zu führen: systematische Folter, Liquidierungen und ganz eigene Terrormethoden. Mit einem dramatischem Effekt: die französische Armee erkämpfte sich so eindrucksvolle Vorteile, setzte, wenigstens teilweise, das gesamte Widerstandsnetz außer Kraft und eroberte die Kontrolle über Algier zurück – und brachte dabei das algerische Volk gegen jede Fortsetzung französischer Herrschaft auf. Die Armee zerstörte die letzten Stücke französischer Legitimität und schuf so die Vorausetzung für die endgültige Niederlage Frankreichs.

Dieser Prozess ist eindrucksvoll in Gillo Pontecorvos Docudrama „The Battle of Algiers“ (1967) wiedergegeben. Es ist ein Film , den das US-Militär gut kennt, im vergangenen Sommer wurde er im Pentagon vor hochrangigen Offizieren gezeigt.

In einer der berühmesten Szenen befragen Reporter den französischen Oberbefehlshaber nach Folter und Tötungen. Wir tun lediglich, wozu ihr uns hierher geschickt habt, antwortet der kernige Oberst Mathieu. Über unsere Methoden zu streiten, ist verlogen.

Es mehren sich die Zeichen, dass sich Mathieus Haltung bei den US-Truppen im Irak durchsetzt. Nach dem Tigris-Vorfall befragt, antwortete ein GI der Post: „Es ist ein wenig wie bei dem Oberst in ,The Battle of Algiers’. Ihr beschwert euch alle darüber, wie ich den Krieg hier gewinne. Aber genau das mache ich – ich gewinne den Krieg.“

Worauf die amerikanischen Politiker und Militärs – so sehr sie auch auf Seite derjenigen stehen mögen, die diesen dreckigen Krieg kämpfen – klar antworten müssen: Das stimmt nicht. Disziplinlosigkeit, Gesetzlosigkeit und ein Übermaß an Gewalt wird im Irak nicht zum Sieg führen. Ganz im Gegenteil.

Die Erfahrung Frankreichs in Algerien sollte uns eine Warnung sein: Am Ende eines solchen Weges wartet nicht nur die Niederlage, sondern auch Schande.

Der Autor ist Professor für Internationale Beziehungen in Boston und derzeit Bush Fellow der American Academy. Foto: Mike Minehan

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben