Meinung : Ein Land in Angst

Warum die Türkei sich so schwer mit dem Papst und Europa tut

Thomas Seibert

Wenn Papst Benedikt XVI. morgen in die Türkei reist, besucht er ein Land, in dem Verunsicherung eine Art Staatsdoktrin geworden ist. Alle haben vor allen Angst in der Türkei: die Moslems vor den Christen, der Staat vor dem Islam und den Kurden, die Regierung vor den Militärs. Solche Ängste führen nicht nur zu einem Mangel an Gelassenheit und zu überzogenen Reaktionen auf innen- oder außenpolitische Ereignisse, ob es nun um die Regensburger Rede des Papstes geht oder um die Forderungen der EU im Zypern-Konflikt. Sie haben auch zur Folge, dass sich die Türkei selber im Weg steht beim Versuch, ihr geostrategisches und wirtschaftliches Potenzial zu nutzen.

Wurzel der Dauerängste ist die Entstehungsgeschichte der modernen Republik. Aus dem Vielvölkerreich der Osmanen wurde nach dem Ersten Weltkrieg praktisch über Nacht ein türkischer Nationalstaat – aber wer zu dieser neuen Gemeinschaft gehören kann und soll, ist bis heute nicht geklärt. „Glücklich ist, wer sagen kann: Ich bin Türke“, lautet ein Leitspruch des Staatsgründers Atatürk.

Dabei weiß niemand so richtig zu sagen, was eigentlich ein Türke ist. Als Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den Vorschlag ins Gespräch brachte, dass Türken, Kurden, Lasen, Tscherkessen und Mitglieder anderer Ethnien in der Türkei mit ihren „Unteridentitäten“ harmonisch zusammenleben könnten, wenn sie als „Oberidentität“ die der türkischen Staatsbürgerschaft anerkennen, wurde er von der Opposition heftig kritisiert. Grund: Es gebe nur ein Staatsvolk. Dieses restriktive Verständnis führt etwa dazu, dass sich Kurden in der Türkei strafbar machen, wenn sie den im türkischen Alphabet nicht vorhandenen Buchstaben „w“ benutzen.

Auch in religiöser Hinsicht herrscht Verunsicherung. Von ihrer Ideologie her hält die türkische Republik gleichen Abstand zu allen Religionen. In der Praxis des zu 99 Prozent muslimischen Landes sieht das anders aus. Die Christen können noch so sehr ihren Patriotismus betonen – ein Generalverdacht gegen sie bleibt bestehen. Schließlich waren es die christlichen Mächte Großbritannien, Griechenland und Frankreich, die nach dem Ersten Weltkrieg versuchten, Anatolien unter sich aufzuteilen. Das sah der Vertrag von Sèvres aus dem Jahr 1920 vor, der in Europa weitgehend vergessen, in der Türkei aber jedem Schulkind geläufig ist. An den Spitzen von Staat, Parteien und Armee in der Türkei gibt es keinen einzigen Nicht-Moslem. Ausdrückliche Verbotsgesetze sind für diese Art von Diskriminierung nicht nötig. „Der Türke hat keinen Freund außer dem Türken“, lautet ein weit verbreiteter Spruch.

Die Dauerdefensive des türkischen Staates erzeugt eine Wagenburgmentalität, die oft unverhofft zutage tritt. Der Literaturpreisträger Orhan Pamuk wurde als „Verräter“ beschimpft, weil er im Ausland die Ermordung von einer Million Armeniern durch die Türken im Ersten Weltkrieg erwähnte. Als türkische TV-Sender im vergangenen Jahr Bilder des brutalen Schlagstockeinsatzes der Istanbuler Polizei gegen eine Frauendemonstration zeigten, beschwerte sich Premier Erdogan, die Medien hätten die Türkei bei den Europäern „verpfiffen“.

Das verstärkte EU-Streben der Türkei hat die Ängste weiter verstärkt. Bekommen die Europäer im Zuge des Annäherungsprozesses an Brüssel nicht immer mehr Einfluss auf die Politik? Setzt die EU die Türkei nicht zugunsten der Griechen unter Druck? Hat sich der Papst vor seiner Wahl nicht gegen die EU-Mitgliedschaft der Türkei ausgesprochen? Es ist das Verdienst der Regierung Erdogan, ihren Landsleuten gezeigt zu haben, dass die Türkei sehr wohl die Meinungsfreiheit stärken, eine Debatte über die Armenierfrage zulassen und Fernsehsendungen in kurdischer Sprache freigeben kann, ohne dass den Türken der Himmel auf den Kopf fällt. Doch auch Erdogan stößt an seine Grenzen. Eine völkerrechtliche Anerkennung der griechischen Republik Zypern kommt für ihn nicht in Frage, und noch hat er es nicht gewagt, seinen Wählern offen zu sagen, dass nach einem EU-Beitritt rund 60 Prozent der Gesetze in Brüssel gemacht werden – nicht mehr in Ankara.

Trotz all ihrer Ängste hat sich die Türkei in den vergangenen Jahren eine weltpolitische Stellung verschafft, von der sie vor zehn Jahren nur träumen konnte. Die Anschläge vom 11. September und die Konfrontation zwischen dem Westen und der islamischen Welt haben die Türkei als Land zwischen Orient und Okzident erheblich aufgewertet. Es ist ein riesiges Versuchslabor, in dem die Frage untersucht wird, inwieweit sich eine muslimische Bevölkerung und eine Demokratie westlichen Zuschnitts vertragen. Reformer und Radikale im Nahen Osten verfolgen den Verlauf des Experiments gleichermaßen mit Interesse: Eine Absage der EU an den Kandidaten Türkei würde als generelle Absage des Westens an einen gemäßigten Islam verstanden.

Gleichzeitig hat der immense wirtschaftliche Aufschwung aus dem Land einen attraktiven Markt und Investitionsstandort gemacht. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die Türkei bald zu den 20 stärksten Volkswirtschaften der Welt zählen wird. Anders als die überalterten Gesellschaften Westeuropas verfügt die Türkei mit ihren mehr als 70 Millionen Menschen über eine sehr junge Bevölkerung.

Das sind Voraussetzungen für eine Erfolgsgeschichte, doch bisher kann die Türkei sie nur beschränkt nutzen. Die Angst steht im Weg. Man stelle sich für einen Moment eine Türkei vor, die sich ihrer Vergangenheit stellt; die für ihr Europa-Streben die Anerkennung Zyperns in Kauf nimmt; die religiösen und ethnischen Minderheiten Autonomie gewährt; die die Generäle in die Schranken weist.

In einer solchen Türkei müsste der Ministerpräsident nicht zeitweise verhindert sein, wenn der Papst kommt, im Gegenteil: Er würde die Gelegenheit nutzen, um aller Welt zu zeigen, was die Türkei als muslimisches, aber säkulares Land für den Dialog der Kulturen leisten kann. Edmund Stoiber würde verzweifeln. So wie die Dinge in der Türkei stehen, muss er das so bald nicht befürchten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben