Meinung : Ein Lob der Spekulation

Wer gegen riskante Investitionen ist, verhindert Wachstum, Fortschritt und Innovation.

Ursula Weidenfeld

Zugegeben, es ist vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, um daran zu erinnern, dass Spekulation etwas sehr grundsätzlich Positives ist. Wenn Millionen Menschen rund um die Welt um ihr Erspartes gebracht werden, rückt der Einzelfall zu Recht in den Mittelpunkt. Der Einzelfall, das ist bei Spekulationen der Kleinanleger, der die falschen Papiere gekauft hat und nun feststellen muss, dass er arm geworden ist. Es ist der private Bauherr, der sich übernommen hat und nun räumen muss. Es ist der Pensionär, dessen Fonds riskant investiert hat und nun die Ausschüttung der Rendite verweigert.

Doch was treibt den Kleinanleger, sein Geld in Aktien zu investieren, den Bauherren, ein größeres Haus zu bauen, den Pensionär, sein Geld in Fonds zu stecken? Es ist die Erwartung, dass die Zukunft besser wird. Der Kleinanleger hofft, dass sein Geld jemanden findet, der mehr damit anfangen kann als er selbst. Der Bauherr hofft, dass die Zinsen niedrig bleiben und er selbst vielleicht in Zukunft mehr verdient. Und der Pensionär weiß, dass es zwar sicher, aber nicht besonders schlau ist, sein Geld unter der Matratze zu verstecken, bis er es braucht. Sie alle sind Spekulanten.

Ohne den Glauben, dass die Zukunft besser wird, mehr Chancen bietet oder ein besseres Einkommen, würden Erfinder morgens wohl lieber im Bett bleiben. Wenn sie durch Zufall doch mal auf etwas Geniales stießen, gäbe es niemanden, der das in ein Produkt verwandelt. Erspartes brächte keine Zinsen, besondere Leistungen bekämen kein besonderes Lob.

Selbst Spekulationswellen und Übertreibungen haben einen Sinn. Der Südseeschwindel, die holländische Tulpenkrise, die Gründerspekulation im 19. Jahrhundert, die Weltwirtschaftskrise oder die Internet-Spekulationswelle zur Jahrtausendwende: Sie alle haben zwar Scharlatanen in die Hände gespielt, die mit leeren Versprechungen reich wurden. Doch haben sie mit einem Übermaß an Geld dafür gesorgt, dass Erdteile mit Macht entdeckt und erforscht wurden, dass das Industriezeitalter zur industriellen Revolution werden konnte und dass das Internet Takt und Tempo im jetzigen Aufschwung bestimmt.

Natürlich platzen Blasen, stürzt die Wirtschaft in eine tiefe Krise, natürlich verlieren Millionen Menschen ihr Geld. Aber übrig bleibt nach jeder Spekulationswelle etwas Neues, das es ohne sie nicht gegeben hätte. Das Versprechen an seriöse Anleger, an den Gewinnchancen teilhaben zu dürfen, die andere, vielleicht brillantere oder innovativere Personen hervorbringen, ist gut. Es verteilt nämlich nicht nur die Risiken, sondern auch die Chancen auf mehrere Köpfe.

Das macht den Ärger und die Nöte der Kleinanleger nicht geringer. Und die Empörung , wenn diejenigen, die ein sehr großes Rad gedreht haben, am Ende meist ganz gut herauskommen, auch nicht. Die Erkenntnis, einer großen Sache zum Durchbruch verholfen zu haben, erleichtert das individuelle Schicksal nicht. Trotzdem ist es so: Ohne Spekulation gäbe es keinen Fortschritt, es gäbe keine Innovationen, es gäbe keine Marktwirtschaft. Vielleicht ist es doch ganz gut, sich das gerade jetzt zu vergegenwärtigen.

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