Ein Masterplan für die Großstadttundra : Rettet das Kulturforum!

Wuchernde Wildkräuter, versandete Leerstellen: Zwischen Neuer Nationalgalerie und Philharmonie liegt eine Großstadttundra. Seit Jahrzehnten wird über die Zukunft des Geländes diskutiert – Zeit, dass sich was tut.

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Es ist ein Unort, mitten In Berlin: das Kulturforum (hier farbig hervorgehoben). Jeder will Veränderung, wirklich geschehen tut jedoch nichts. Hauptdarsteller auf der großen Freilichtbühne sind zwei Archetypen der Moderne: die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe als durch einen Sockel erhöhter Tempel klassischer Rationalität in Stahl und Glas und die frei bewegte Zeltarchitektur der Philharmonie von Scharoun.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Kuehn Malvezzi
19.05.2014 14:32Es ist ein Unort, mitten In Berlin: das Kulturforum (hier farbig hervorgehoben). Jeder will Veränderung, wirklich geschehen tut...

Kann hier vielleicht mal wieder jemand Rasen mähen? Wüst wuchern die Wildkräuter auf dem Mittelstreifen der Potsdamer Straße zwischen Philharmonie und Landwehrkanal. Immerhin tritt man nicht in Hundekot. Hier würde keiner seinen Liebling Gassi führen.

Die Strecke vom Potsdamer Platz zum Kulturforum ist ein Spießrutenlauf für alle Kulturbegeisterten. Dabei hatte es sich Renzo Piano so schön ausgedacht: Am Marlene- Dietrich-Platz ließ der Architekt eine fünf Meter breite Lücke zwischen seinem Musicaltheater und der Spielbank. Dort sollten Flaneure Richtung Philharmonie und Gemäldegalerie durchschlüpfen können, auf kurzem Weg vom Kommerz- zum Kunstzentrum, schnurstracks durch die Staatsbibliothek hindurch. Doch aus der Idee ist nichts geworden. Zwei riesige Findlinge haben die Staatsbibliothekare vor ihre Hintertür gerollt – deutlicher kann man ein Durchgangsverbot nicht zum Ausdruck bringen.

Als Ortskundiger wähle ich den Weg außenherum, bezwinge die Kreuzung, stapfe durchs Mittelstreifengras. Ungepflegter sieht es nur noch auf der Scharounstraße aus, in die ich jetzt einbiege: Kniehoch das Gestrüpp, unterbrochen von versandeten Leerstellen. Großstadttundra.

Ein Treppengeländer, von dem sich die Farbe in großen Flocken abschält, führt mich hinauf zur Südwestterrasse des Kammermusiksaals. Von hier oben lässt sich das Elend am besten überblicken. In meinem Rücken die Heimstatt der Berliner Philharmoniker, rechter Hand die Gemäldegalerie mit den Alten Meistern, gegenüber Mies van der Rohes Nationalgalerie. Dazwischen: Brache. Seit Jahrzehnten. Traurige Einöde, weitgehend zugeparkt. Wo keine Autos stehen, gähnt eine Schotterfläche mit spirreligen Bäumen und klobigen Steinskulpturen. Berlins Unkulturforum.

Seit 1964 wird um die Gestaltung des Geländes gerungen, der letzte Senatsbeschluss datiert vom April 2005. Er setzt die Beschlüsse von 1999 und 2002 außer Kraft, die jeweils nur in Bruchteilen realisiert worden sind. Vorgesehen ist nun eine parkähnliche Anlage, die sich vom Kanal bis zur Philharmonie erstreckt. Ein „Lustgarten der Moderne“, der die Matthäikirche umschließt, um dann in einer Art Fußgängerzone vor dem Kammermusiksaal zu münden. Dort soll die Scharounstraße „zurückgebaut“ werden. 2,5 Millionen Euro sind dafür im hauptstädtischen Haushalt reserviert, im Februar 2010 verkündete Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, bis 2012 werde man das Geld verbauen. Jetzt ist Oktober 2011 – und außer drei Baumstümpfen vor der Piazzetta am Museumskomplex ist keinerlei Veränderung zu erkennen.

Aha, denke ich, die Bäume mussten weichen, damit die Herbert-von-Karajan- Straße wie geplant in gerader Linie in die Matthäikirchstraße verlängert werden kann. Nee, sagt der zuständige Beamte bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die Fällungen habe seine Behörde nicht in Auftrag gegeben. Wer es dann war? „Keine Ahnung, die Besitzverhältnisse zwischen dem Bund, dem Land, der Kirche und den Staatlichen Museen sind so unübersichtlich.“ Darum dürfen sich die Leute vom Grünflächenamt des Bezirks eigentlich auch nicht um die Schotterfläche kümmern – sie ist nicht offiziell als Park ausgewiesen.

Ach, waren das selige Zeiten, als auf dem Gelände noch Bewegung war! Nördlich der Nationalgalerie das Autohaus, das seine Gebrauchten unter flatternden Fähnchengirlanden feilbot, auf der anderen Platzseite die Skater, die lustig über die Rampen- und Treppenlandschaft des Kammermusiksaals schossen. Die Jugendlichen hat man vertrieben, der Pkw-Händler musste weichen, ebenso wie das nachfolgende Zelt des BKA-Kabaretts. Seitdem gehen tagsüber die Lebenszeichen nur noch von der Pommesbude an der Potsdamer Straße aus.

Und weiter geht der Bürokratie-Wahnsinn auf der nächsten Seite.

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