Meinung : Ein Name und sein Kampfbegriff

Die Jury hat entschieden: „Hartz IV“ ist das Wort des Jahres 2004

Bernd Matthies

Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott. Von dort kam es zu den Menschen, die unentwegt Massen von neuen Worten produzierten und langsam den Überblick verloren. Insofern ist es konsequent, dass wir uns angewöhnt haben, bestimmte Worte als außergewöhnlich auszuwählen. „Habseligkeiten“ ist angeblich das schönste Wort deutscher Sprache, und das „Wort des Jahres 2004“ kennen wir seit Freitag: „Hartz IV“. So hat es die Jury der Gesellschaft für Deutsche Sprache beschlossen.

Hartz IV: Ein seltsames Wort, eigentlich überhaupt keins. Es verrät nur jenen seine Bedeutung, die die Reformdebatte des Jahres 2004 im Kopf haben, es ist noch spröder als die „Agenda 2010“, die im vergangenen Jahr knapp dem „alten Europa“ unterlag. Niemand hat es bewusst geprägt, es hat sich gewissermaßen selbst erschaffen, blieb übrig als technische Bezeichnung eines komplizierten politischen Entscheidungsprozesses, als Sprachrudiment an Stelle eines Wortes, das noch zu erfinden gewesen wäre. Es verweigert sich der Deklination, und Ableitungen (verhartzen?) haben sich nicht durchsetzen können. Die Wahl hat damit auch ein Schlaglicht auf die allgegenwärtige Sprachverarmung gesetzt, die ihren Ausdruck in Phänomenen wie dem Absterben des Genitivs zeigt.

Doch das ist ein Nebeneffekt. Die Jury war offenbar vor allem fasziniert von der Umdeutung eines Eigennamens zu einem politischen Schreck- und Kampfbegriff, und sie bekräftigt mit ihrer Wahl, nichts habe die Deutschen in vergangenen Jahr mehr bewegt als die Reform des Sozialstaats. Das ist kaum bestreitbar, und es schlägt sich nieder auch in anderen Begriffen auf der Hitliste: „gefühlte Armut“, „Ein- Euro-Jobs“, „Praxisgebühr“. Der wertfreie, quasi statistisch geschärfte Blick hebt auch dieses „Wort des Jahres“ in angenehm sachlicher Weise ab vom demnächst wieder anstehenden „Unwort“. Denn das ächzt in aller Regel so unter der Last politischer Korrektheit, dass es ohne umständliche Erklärungen die Pressekonferenz zu seiner Vorstellung kaum überlebt.

Dennoch trägt auch „Hartz IV“ den Makel des Kurzlebigen. Das wird deutlich beim Blick auf Wort Nummer zwei der Liste, „Parallelgesellschaft“, das ein brisantes politisches Phänomen griffig beschreibt und wohl auch in vielen Jahren noch verstanden wird, wenn „Hartz IV“ längst in zeitgeschichtlichen Kompendien verstaubt. Das höchst aktuelle Wort „Hassprediger“ hat es nicht einmal unter die ersten zehn geschafft, obwohl es wie die „Parallelgesellschaft“ für das Aufbrechen eines welthistorischen Konflikts steht, der die deutschen Sozialreformen garantiert weit überdauert.

Es hätte aber auch schlimmer kommen können. Denn weiter hinten auf der Liste findet sich noch sprachlicher Tinnef wie „Rehakles“ für Otto Rehhagel, der bei der Europameisterschaft mit seinen griechischen Kickern einen kurzen Höhenflug erlebte; auf Platz zehn folgt der seltsame Wurmfortsatz „… & mehr“, der nach englischem Vorbild einen Zusatznutzen verdeutlichen soll – Wegschmeißvokabular der Werbesprache.

„Hartz IV“ dagegen ist ein Etikett, vollkommen neutral und offen für jegliche Umdeutung, kühl bis ans Herz. Auch als Unwort würde es sich deshalb ausgezeichnet eignen. Das wäre jedenfalls was Neues im Reich der Wörter.

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