Meinung : Ein Polizistenprügler in Princeton

Die Irrungen und Wirrungen des Joschka Fischer

Alexander Gauland

Nein, das ist nun wirklich etwas zu einfach. Das Land ist versöhnt und Joschka Fischer ein grüner Patriot. Bernd Ulrich (siehe Tagesspiegel vom 27. Juni) hat Recht, Fischer und die Achtundsechziger haben gewonnen, sie haben sich die Deutungshoheit erkämpft und ihre ehemaligen Gegner an den Rand gedrängt. Wer mitreden will, muss den politischen Aufstieg Fischers und der Seinen gut für Deutschland finden. Selbst Mathias Döpfner räumt erst einmal ein, dass Fehler gemacht wurden, ehe er Aufarbeitung und Umorientierung ankündigt. Dabei steckt die Wahrheit über die Leistung der so genannten 68er in einem Nebensatz Ulrichs: „Er (Fischer) … sah oft erst spät, dass sich das Land schon geändert hatte.“ Eben!

Die Polizisten, die der spätere Außenminister damals in Frankfurt verprügelte, waren längst nicht mehr die furchtbaren Schergen eines furchtbaren Regimes. Nicht Fischer, Adenauer hatte das Land verändert und jene Demokratie installiert, um deren angebliche Durchsetzung am Anfang in den Hörsälen, später auf der Straße und schließlich von einigen wenigen mit Brandstiftung und Mord gekämpft wurde. Globke und Filbinger waren doch schon damals die falschen Symbole und Adenauers lässiger Umgang mit ehemaligen Nazis der Einsicht geschuldet, dass andere oft nicht zur Verfügung standen.

Ehe man also den Professor von Princeton zum Bundespräsidenten ausruft, wäre eine andere Aufarbeitung notwendig, eine Bilanz der Gewinne und Verluste seiner und seiner Freunde politischen Tätigkeit. Und die müsste Auskunft geben über die vielen an den Rüpeleien zerbrochenen akademischen Lehrer einschließlich Adornos und Richard Löwenthals, über die zerstörten Hoffnungen wissenschaftlicher Mitarbeiter, die dem neuen Diskussionsstil ihrer Studenten nicht gewachsen waren, über die entsetzlichen Irrungen und Wirrungen einer Universitätsreform, die das Land der Dichter und Denker der intellektuellen und wissenschaftlichen Bedeutungslosigkeit überantwortete.

An wie vielen Kindern hat die antiautoritäre Erziehung bleibende Schäden hinterlassen, und wie viele Drogentote sind der neuen Freiheit der Selbsterfahrung jenseits aller Sekundärtugenden geschuldet. War es wirklich notwendig, den Muff von tausend Jahren aus den Talaren zu schütteln, oder hat das Teppichklopfen am Ende nicht mehr zerstört als gelüftet? Auch ist noch nicht ausgemacht, ob die gnadenlose Verwestlichung und Amerikanisierung des Landes, die Individualisierung und Auflösung des Gesellschaftlichen uns einen Teil jener Probleme beschert hat, die die Nachfolger Fischers jetzt mühsam zu reparieren versuchen.

Es ist in Deutschland philosophischer wie politischer Brauch, dass jede neue Generation eine Umwertung aller Werte vornimmt. Der Nachruhm von Friedrich, Bismarck, Stresemann und Herbert Wehner hat darunter gelitten. Sollten wir nicht abwarten, wie diejenigen, die nach uns kommen bewerten, dass ein Barrikadenkämpfer sich eine Grunewaldvilla in der Nähe der Rathenauschen kauft und der Verächter bürgerlicher Professorenherrlichkeit nun in Princeton lehrt? Musste wirklich alles auf den Kopf gestellt werden, damit Joschka Fischer im deutschen Bildungsbürgertum ankam?

Privat mag das eine Erfolgsgeschichte sein, gesellschaftlich ist die Bilanz noch nicht testiert. Zu tief ist der Graben zwischen dem, was er einst vertreten und heute lebt.

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