Meinung : Ein Profil aus Licht und Schatten Von der Kunst des menschlichen Nachrufs

Robert Leicht

Öffentliche Nachrufe sind ein schwieriges Geschäft – obwohl die Regel des Solon so simpel klingt: De mortuis nil nisi bene! Man solle, so werden wir belehrt, über die Toten nur Gutes reden. Wie aber macht man das, wenn ein dahingegangener Mensch in seinem Leben – wie wir alle! – auch mehr oder minder (oder gar sehr) schwer gefehlt hat? Sollen wir dann mit einem auf die Bedürfnisse des Bundesaußenministers verdünnten Ludwig Wittgenstein sagen: Worüber man nicht nur Gutes reden kann, soll man schweigen?

Dann könnten wir uns in der Tat viele Nachrufe sparen! Doch echte Nachrufe haben nichts zu tun mit einer sentimentalen Lobhudelei. In gewisser Weise hat dies Joschka Fischer selbst einmal eindrucksvoll demonstriert, als er im Jahr 2000 im Französischen Dom auf Einladung der Evangelischen Akademie zu Berlin einen großen Vortrag über Gustav Stresemann hielt. Seine Redenschreiber hatten ihm ein zu konventionelles Manuskript vorgelegt. Der Minister aber setzte sich noch einmal daran und fügte einige nachdrücklich kritische Passagen ein. Dadurch entstand jedoch keine peinliche Situation. Im Gegenteil, erst nach der prägnanten Erwähnung der anfänglich bedenklichen Aspekte seiner politischen Biographie ließ sich die relative historische Größe dieses Mannes in seinem grundlegenden, dann aber doch wieder nicht vollständigen Umdenken richtig ermessen.

Diese Kunst soll nun im Chefzimmer am Werderschen Markte völlig in Vergessenheit geraten sein? Aber wie sollten wir dann nebst den zeitweilig Verstrickten des Dritten Reiches auch jener Widerständler gedenken können, die zunächst dem Hitler-Reich gedient hatten, bevor sie – wie Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg – die Kraft zur Umkehr fanden? Geht es nach den nunmehr herrschenden Gebräuchen des Auswärtigen Amtes, hätte nicht einmal ein Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der Attentäter des 20. Juli 1944, einen ehrenden Nachruf verdient, denn er hatte sich ja zuvor in Hitlers verbrecherischem Angriffs- und Vernichtungskrieg Orden und Ehrenzeichen verdient. Oder kommt es auf den Vergleich zwischen Vorher und Nachher nur an, sofern der Betreffende dabei zu Tode kam – anders als der selbstgerechte Nachruf-Richter? Zum Menschenleben gehört die Chance der Einsicht, zur Menschenwürde die Pflicht der anderen, solche Einsichten (gleich wie den Irrtum) wahrzunehmen und zu würdigen.

In diesen Tagen gibt es nun auch andere Nekrologe zu lesen. Und auch aus diesen kann man viel lernen über die Kunst des Nachrufes. Papst Johannes Paul II. war über jeden Zweifel eine tief beeindruckende, große Persönlichkeit. Aber das „De mortuis nil nisi bene“ kann die Zurückbleibenden doch nicht daran hindern, auch über Enttäuschungen zu reden, die das Leben dieses weltgeschichtlichen Mannes über sie gebracht hat. Man darf allerdings die Sache nicht so plump anstellen, wie Hans Küng dies – rechtzeitig zum Osterfest und zur letzten Agonie des Papstes – in einer italienischen Zeitung und im Spiegel vorgeführt hat. Wer die Kritik an einem Menschen von einer solchen argumentativen Fallhöhe aus schreibt, dem bleibt am Ende nur ein Verriss.

Jeder von uns ist in Bedingungen des Handelns gefangen, die er nicht selber souverän bestimmen oder aufheben kann. Glücklich der, der weder in einem bösen System noch in einem frommen Amte gefangen ist! Kann man von anderen mehr verlangen als von sich selber – auch in einem Nachruf? De mortuis nil nisi bene! Das heißt ja in genauer Übersetzung nicht, man solle über die Toten nur Gutes reden, sondern man solle gut über sie reden, also trefflich, wahrhaft, gerecht – und darin menschlich. Nichts als gut, das bedeutet eines ganz bestimmt nicht: gar nicht!

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