Meinung : Ein Schein von Normalität

Malte Lehming

Der Schein trügt. So lautet eine gängige Prognose. Ihr zufolge wird der 11. September zwar nicht vergessen, aber die Erinnerung an ihn bald verblasst sein. Denn keine Erschütterung währt ewig. Die amerikanische Regierung wird wieder gezwungen sein, all den bitteren Wahrheiten ins Auge zu sehen, die sie seit knapp vier Monaten verdrängt hat: miese Wirtschaft, immer mehr Arbeitslose, keine Mehrheit im Senat. Die Landung wird hart.

Zum Thema Dokumentation: Kampf gegen Terror
Fotos: Osama Bin Laden, Krieg in Afghanistan
Der Schein trügt, das heißt: Noch genießt George W. Bush das Wohlwollen von fast 90 Prozent aller Amerikaner. Doch die Zustimmung für den Präsidenten wird rapide abnehmen, das alles ist bloß eine Frage der Zeit. Am Ende könnte den Sohn dasselbe Schicksal ereilen wie einst den Vater. Nur zwanzig Monate nach der Befreiung Kuwaits und dem Sieg der USA im Golfkrieg verlor George Bush senior das Rennen um die Präsidentschaft. Wähler sind undankbar und vergesslich, überall auf der Welt.

Der Schein trügt wirklich: Denn dies sind recht naive Prognosen. Wer sie vertritt, begreift den 11. September als Naturkatastrophe statt als dezidiert politisches Ereignis. Die Vorstellung, der Terrorismus sei eine kurze, heftige Eruption, ist falsch. Es waren Menschen, keine Urgewalten, die das World Trade Center zum Einsturz brachten. Und diese Menschen waren keine verwirrten Einzeltäter, sondern organisiert. Eine Ideologie hält sie zusammen. Deshalb mag die Erinnerung an den 11. September verblassen - der Kampf gegen den global operierenden Terrorismus hat aus Sicht der Amerikaner gerade erst begonnen. Der Krieg in Afghanistan war gewissermaßen der Einstieg in den Ausstieg aus der Gefahr. Das wird nicht ohne Auswirkungen auf Europa bleiben. Denn der Terror-Fixiertheit der Amerikaner steht die Zurückhaltung vieler Europäer entgegen. Die Taliban sind gestürzt, was will man mehr? Washington will erheblich mehr. Der Sturz der Taliban ist lediglich Mittel zum Zweck. Der 11. September hat gezeigt, wie verwundbar die moderne Zivilisation ist. Was heute entführte Flugzeuge bewirken, könnte morgen von ABC-Waffen erreicht werden. Schon in der Diskussion über das Raketenabwehrsystem schwang stets der Wunsch nach Unverwundbarkeit mit. Dieser Wunsch ist durch den Terror nicht kleiner, sondern größer geworden. Ob nun Somalia, der Sudan, die Philippinen oder der Irak: Amerika wird seinen Kampf gegen diverse Bedrohungen so schnell nicht beenden.

Außerdem wird die Bush-Regierung dabei im Regelfall alleine agieren. Der Erfolg in Afghanistan hat jene Militärstrategen beflügelt, die Koalitionen als hinderlich empfinden. Wer mitmachen will, ist willkommen, Konsens und Kompromisse sind weiterhin nicht gefragt. Wer in Europa gehofft hatte, durch "uneingeschränkte Solidarität" mit den Amerikanern auf diese mehr Einfluss ausüben zu können, dürfte Enttäuschungen erleben. Das wird die transatlantischen Beziehungen enorm belasten, wahrscheinlich sogar mehr als in den Monaten nach dem 11. September.

Der Schein trügt nicht. Eine amerikanische Regierung, von der es vor einem knappen Jahr noch hieß, sie sei instabil und zum Scheitern verurteilt, sitzt heute sicher und geschlossen im Amt. Sie wird geführt von einem Präsidenten, zu dessen Stärken es gehört, von seinen Gegnern unterschätzt zu werden. In diesem Jahr finden Kongresswahlen in Amerika statt. Und weit und breit ist kein Demokrat zu erkennen, der Bush das Wasser reichen könnte. Linke Feministinnen, die sich über die Emanzipation der afghanischen Frauen freuen, jubeln dem Texaner ebenso zu wie rechtsreligiöse Christen, die die Befreiung der Missionarinnen aus Taliban-Hand feiern. Ein solches Land ist noch zu vielem bereit.

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