Meinung : Ein Schicksal mit zwei Enden

Von Hans Monath

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Heikle Fragen zu umgehen ist eine wichtige Politikertugend. Macht Franz Müntefering auch dann weiter, wenn Gerhard Schröder die Wahl 2006 verliert? Auf diese Frage des „Stern“ hätte der SPDChef nassforsch Siegesgewissheit verbreiten oder ausweichen können. Müntefering ist nicht ausgewichen, im Gegenteil: Er will dann im Amt bleiben. Im Kanzleramt muss deshalb niemandem der Angstschweiß auf die Stirn treten. Abgerückt von Schröder ist der Parteichef damit nicht. Er erlaubt aber einen Blick auf eine mögliche, ja wahrscheinliche Entwicklung, die viele Sozialdemokraten hinter verschlossenen Türen längst umtreibt: Es muss im Notfall eine SPD nach Schröder geben, eine mit Müntefering an der Spitze. In anderen Zeiten wäre diese Botschaft eine Sensation gewesen. Jetzt ist es ein Rettungsversuch.

Der Streit mit den Gewerkschaften hat die unterschiedlichen Rollen beider Politiker deutlich gemacht. Der Gedanke, wie viel Freiheit ihm der Verzicht auf das Parteiamt eingebracht hat, müsste dem Kanzler eigentlich gefallen. Er musste sich nach den Attacken der Gewerkschafter nicht selbst den Mund verbieten. Die Aufgabe, einen letzten Gesprächsfaden der SPD zu ihren ehemaligen Kampfbataillonen zu bewahren, hat jetzt Franz Müntefering. Schröder durfte gegen Frank Bsirske poltern, und er hat es getan.

Obwohl die Kritik jedes Maß übersteigt und nirgendwo ein Hoffnungsschimmer winkt, versucht Müntefering zu beschwichtigen und ein gutes Ende zu beschwören – bis an den Rand der Selbstverleugnung.. Der Kanzler kann die Distanz zu gewerkschaftlicher Realitätsverleugnung deutlich machen, der Parteichef muss zusammenhalten, was noch irgendwie zusammengehört. Jetzt hat der SPD-Chef das Interview genutzt, um auch die Eigenständigkeit der Partei gegenüber der Regierung zu markieren. So lange diese Unabhängigkeit nur ein Anspruch bleibt und die Reformpolitik nicht stört, wird das auch den Kanzler freuen. Doch Müntefering probiert eine riskante Übung. Denn nur wenn die propagierte Eigenständigkeit auch wirklich zum Konflikt führt, wird sie die Kritiker in der SPD beeindrucken.

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