Meinung : Ein Schritt nach den anderen Von Stephan-Andreas Casdorff

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Kontrolle ist gut, Vertrauen besser? Lenin war nicht zu sehen, Stalin auch nicht, dafür Putin. Die Frage bleibt, ob er das Vertrauen rechtfertigt, das nicht zuletzt der Bundeskanzler sehr demonstrativ in ihn setzt. Der gegenwärtige Kremlherr (und das ist er fraglos nach allen seinen Attitüden) hat gestern in Moskau den 60. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland feiern lassen. Anfangs schien es so zu sein, als erstehe die alte Kremlgarde auf: der Stechschritt, die Parade der hochgereckten Nasen, Bajonette. Der alte Schrecken.

Aber das war dann doch nicht alles. Lenins Mausoleum war verhüllt, davor saßen sie und standen nicht, keiner der Oberen aus dem großen Russland trug einen seltsamen Hut, blickte ältlichgrämlich. Und neben ihnen die Vertreter der westlicheren Welt, Bush, Chirac, Schröder, der Kanzler sogar in der ersten Reihe! Auch Koizumi aus Japan war da. Nicht nur für altgediente Kreml-Astrologen ergab das ein verändertes Bild, ein versöhnlicheres als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren.

Weit gefehlt, wenn einer meinte, dass nun alles schon eitel Sonnenschein wäre (gestern zwar über dem Roten Platz, aber das war ein Tagwerk der russischen Luftwaffe). Nicht, dass die Versöhnung mit denen, die anschließend Jahrzehnte nach dem Ende des Kriegs unter den Sowjets litten, auch wieder unvergleichlich viele, schon sehr weit fortgeschritten wäre. Eine Parade der Unzufriedenen hätte auch eine stolze Zahl gehabt. Aber von denen waren in Moskau zu wenige anwesend.

Da ist noch vieles zu besprechen von Putin, nicht nur mit den Balten; und vieles, das er bedauerlicherweise so nicht sagte. An diesem Tag, der Europas eigentlicher Geburtstag ist, wäre das eine sehr gute Gelegenheit gewesen. Doch vielleicht lässt sich Putins Satz, dass die russisch-deutsche Versöhnung einer der wichtigsten europäischen Erfolge ist, ein Beispiel, „wert, in die moderne Weltpolitik einzufließen“, als Ankündigung deuten. Was ein Fortschritt wäre. Schröder mag darauf vertrauen – die anderen in der Welt werden es kontrollieren. Das ist für alle auch besser so.

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