Meinung : Ein Spiel mit Worten und Demonstranten

Die Spitzengewerkschafter wollen keine neue Partei gründen – aber die Diskussion kommt ihnen nicht ungelegen

Alfons Frese

Sie werden Witze reißen, sich auf die Schultern klopfen und so die dicken Kumpels markieren. Am Mittwoch reist Gerhard Schröder nach Frankfurt, um in der IG-Metall-Zentrale einem seiner bissigsten Kritiker alles Gute zu wünschen. Jürgen Peters, erster Vorsitzender der Gewerkschaft und in dem Rufe stehend, einer der starrköpfigsten Arbeiterführer weit und breit zu sein, wird 60 Jahre. Da muss der Kanzler wohl hin, denn mit knapp 2,5 Millionen Mitgliedern zählt die IG Metall noch immer mehr Beitragszahler als alle Parteien zusammen. Vielleicht kommt Schröder sogar gern. Denn bei dem Geburtstagskränzchen trifft er auch die übrigen Gewerkschaftsbosse. Und wenn dann der Jürgen die Kerzen ausgeblasen hat, können sich die Herren austauschen über die historische Allianz zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung. Schnell noch ein Blick ins Poesiealbum, bevor die Wirklichkeit die Party vermasselt. Mit der Agenda 2010 hat Schröder dazu beigetragen, dass die Kollegen und Kolleginnen Arbeiterführer ein Horrorjahr 2003 erleiden mussten. Nachdem der Bundeskanzler das einst von ihm selbst ganz hoch gehängte Bündnis für Arbeit Anfang 2003 platzen ließ, betrieb er die von der Wirtschaft befürworteten Sozialreformen ohne Rücksicht auf die alten Freunde. Dieser Kurs hat die SPD schwer beschädigt. Und die Gewerkschaften? Die sammeln sich und kommen langsam wieder zu Kräften. Mit welchem Erfolg, wird das erste April-Wochenende zeigen. Die Gewerkschaften haben dann in Stuttgart, Köln und Berlin zu Großdemonstrationen gegen die Politik aufgerufen. Gegen die Regierung werden der DGB-Vorsitzende Michael Sommer, Verdi-Chef Frank Bsirske und natürlich Jürgen Peters polemisieren.

Aber mit Maß. Denn je konkreter die Vorstellungen der Union werden und je wahrscheinlicher eine Bundeskanzlerin Angela Merkel, desto klarer wird der Gewerkschafterblick für das kleinere Übel. Ihr Gerd eben. Deshalb auch sind die Spekulationen über eine neue Partei links der SPD und womöglich sogar aus der Mitte der Gewerkschaften stammend, dummes Zeug. Eine Gewerkschaft ist eine Gewerkschaft. Darüber hinaus gehende Pläne entpuppten sich schnell als Spinnereien, weil sie das Selbstverständnis der (zumindest theoretisch) parteiübergreifend agierenden Arbeitnehmervereinigungen gefährdeten. Bsirske und Peters dementieren denn auch Ambitionen, als Parteiführer Geschichte machen zu wollen.

Das hindert sie aber nicht daran, mit kaum kaschierter Schadenfreude dem komischen Treiben in den eigenen Reihen zuzusehen. Denn auf der zweiten oder dritten Ebene gibt es schon den einen oder anderen Funktionär, den der ideologische Hafer sticht. Der Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung von Verdi zum Beispiel, der selbst von Kollegen als Stalinist bezeichnet wird, fände eine neue Linkspartei womöglich ganz toll. Bsirske lässt solche Irrläufer gewähren und freut sich über die Nervosität bei den Genossen. Ob es überhaupt für eine neue Partei Bedarf gebe, „wird sich im Zweifelsfall zeigen“, sagt Bsirske. Soll heißen: Wenn die Regierung nicht umkehrt und uns wieder entgegenkommt, dann können wir auch anders.

Bsirske, Mitglied der Grünen, ist zu schlau, um solchen Worten auch Taten folgen zu lassen. Es gehört vielmehr zur Inszenierung der Proteste in diesem Frühling. Doch schon bald, spätestens vor den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen, werden die Reihen wieder geschlossen und die SPD mit den Gewerkschaften wieder die CDU/CSU/FDP bekämpfen. Denn ein gemeinsamer Gegner stabilisiert auch die brüchigste Freundschaft.

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