Ein SPRUCH : Die Frisur als Helm

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Die Bundeswehr hat einen beispiellosen Reformprozess hinter sich, sie verteidigt das Land am Hindukusch, sie kann plötzlich auf den einst als pädagogisch wertvoll erachteten Wehrdienst pfeifen, Frauen haben gelernt zu kämpfen und zu kommandieren. Insofern eilen die Streitkräfte mit Ursula von der Leyen als erster Ministerin an der Spitze des zuständigen Fachressorts einem neuen Höhepunkt in Sachen Modernität und Egalität entgegen. Nur ein alter Zopf ist geblieben, und den haben die höchsten Rechtsaufseher der Truppe jetzt sogar neu geflochten: Der Haar- und Barterlass bleibt rechtmäßig, hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschieden.

Der Kläger, einst Wehrdienstleistender, trug stolze 40 Zentimeter am Haupt, unter Waffen band er sie zum Pferdeschwanz. Laut Haarerlass jedoch muss die Truppe eng anliegend frisiert sein oder gleich kurz; jedenfalls so, dass Ohren und Augen frei sind. In Habachtstellung darf keine Franse auf den Kragen fallen. Also schritt der Vorgesetzte ein.

Die Begründung der Richter lässt einen glauben, sie hätten vom Aufbruch der Streitkräfte nichts mitbekommen. „Der spezifische Auftrag und die Funktionsfähigkeit der Streitkräfte sind unverändert in einem hohen Maß durch ein nach außen einheitliches Auftreten und einen nach innen engen Zusammenhalt ihrer Angehörigen geprägt.“ Mag ja sein. Aber reicht fürs Äußere nicht die Uniform? Und was haben Haare mit dem inneren Zusammenhalt zu tun?

Dass alle Soldaten über einen Kamm geschoren werden, ist der letzte große Witz der alten Bundeswehr. Zumal, da für Soldatinnen eine Ausnahme gilt. Sie dürfen ihre Haare laut Vorschrift lang tragen. Eine „zulässige Maßnahme zur Förderung von Frauen in der Bundeswehr“, dekretieren die Richter, „die die striktere Regelung der Haartracht für männliche Soldaten nicht in Frage stellt“. Mit anderen Worten: Für eine funktionierende Landesverteidigung ist es extrem wichtig, dass alle kurze Haare haben. Wichtiger als die Landesverteidigung ist allerdings, mehr Frauen in die Truppe zu holen. Logischerweise indes ist die beschworene Einheit der Truppe spätestens mit dem Auftauchen von Frauen infrage gestellt worden. Sie zu fördern, bedeutet Vielfalt. Das Gegenteil von Einheit.

Die Haare der Männer bringen die Richter damit in ein direktes Verhältnis zum Anteil der Frauen. Je mehr es von diesen gibt, desto eher dürften die Herren wachsen lassen. Oder die Frauen müssten scheren. Was sie nie tun würden, weil sie vernünftig sind und so einen Quatsch nicht mitmachen würden. Mit Männern kann man es machen, die Bundesrichter nennen dies „Tradition“. Lösen könnte das Problem allein eine neue Kompromissfrisur: Lang, aber fest. Ohren frei, Blick frei. Die Frisur als Helm. Frau Ministerin eilt schon wieder voraus.

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