Ein SPRUCH : Die Schwächen des Geschlechts

Jost Müller Neuhof

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder hat vergangene Woche ihr Buch „Danke, emanzipiert sind wir selbst“ vorgestellt. Die Reaktionen waren verheerend. Schlimm sei es, bestenfalls naiv. Wer so denke, sei fehlbesetzt in seinem Amt. Dabei steht in dem Buch wenig Falsches. Die Ministerin wendet sich dagegen, dass gesellschaftliche Mütter-Leitbilder ihre (Gleichstellungs-)politik prägen sollen. Was an dieser Haltung ist so verkehrt? Eine Familienpolitikerin muss alle Mütter im Auge haben. Sie soll Politik für Menschen machen, nicht für Leitbilder. Kristina Schröder glaubt, das Ausrufen einer neuen Modellmutter – Kind in die Krippe, dann husch zur Arbeit – könne Frauen (und ihre Familien) ähnlich einengen wie seinerzeit das Predigen der alten – ran an den Herd und warten, bis der Mann kommt.

Die Sorge ist nicht unbegründet. Wie eine gute Mutter beschaffen sein soll, das wird in Deutschland seit langem politisch-gesellschaftlich-medial festgelegt, weniger individuell. Eine gewisse Schärfe in der Tonlage hat da Tradition. Sie zeigt sich im leicht hysterisch gewordenen Streit um das Betreuungsgeld, der stellvertretend für die Leitbilddiskussion steht. Kristina Schröder würde mit dieser Tradition gerne brechen. Doch schafft sie es nicht. Sie ist zu schwach.

Wie schwach, das kann man in ihrem Buch nachlesen. Als die Kanzlerin sie 2009 fragte, ob sie Ministerin werden wolle, da bat sie um Erlaubnis, in der Amtszeit ein Kind bekommen zu dürfen. „Angela Merkel zögerte keine Sekunde“, schreibt sie stolz und zitiert: „Das geht. Da haben Sie meine Unterstützung.“

Warum musste die laut Selbstauskunft fortschrittlichste und mutmaßlich selbstbewussteste Frau Deutschlands ihre Chefin fragen, ob ein Kind zur Ministerinnenkarriere passt? Natürlich passt es! Auch Angela Merkel wusste das, bevor sie bei einer offen heterosexuell lebenden, mit einem CDU-Abgeordneten liierten 32-Jährigen anrief, die ihren Kinderwunsch bereits in der Abiturzeitung offenbart hatte. Vielleicht gehörte das sogar in ihr Kalkül. Und was macht Kristina Schröder? Sie verrät Jahrzehnte Emanzipation, deren Erfolge jedenfalls in einem Punkt unbestritten sind: Dass Arbeitgeber ihre Bewerberinnen nicht mehr fragen, ob sie schwanger werden wollen. Dass dies kein Thema mehr ist. Dass es selbstverständlich sein muss, wenn eine Frau im Job Kinder kriegen will.

Wenn nun wir – natürlich supermodernen – Männer uns Frau Schröder künftig als role model nähmen, sollen wir sagen: „Chef, den Job übernehm’ ich gerne, aber Ende des Jahres mache ich sechs Monate Elternzeit und gehe danach auf 60 Prozent, okay?“ Dann könnte es schwierig werden mit dem Berufseinstieg. Dann sitzen am Ende beide zu Hause beim Kind und wundern sich, dass es mit der Gleichstellung so lange dauert. Ist es am Ende das, was Ministerin Schröder will?

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