Ein SPRUCH : Mir reicht’s auch

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Mit der Gleichberechtigung reicht es jetzt mal, finden nach einer Studie des Allensbach-Instituts fast zwei Drittel aller Männer. 28 Prozent meinen sogar, dass bei der Angleichung der Geschlechter bereits übertrieben worden sei. Leben wir in der Retro-Republik? Angleichen, gleichstellen, gleichberechtigen. Es geht alles etwas durcheinander bei solchen Umfragen. Wer solcherlei Zahlenklimbim jedoch als Indiz für gesellschaftliche Großentwicklungen nimmt, bei dem geht am allermeisten durcheinander. Das Institut präsentiert weder Neues noch Erstaunliches. Fragt man Männer, ob es ihnen reicht, mit verfilmten Arztromanen im Vorabendprogramm unterhalten zu werden, dann wird es einer Mehrheit reichen. Fragt man sie, ob es mehr Bundesliga sein darf, dann reicht es ihnen nicht. Emanzipation ist ein klassisches Frauenthema. Männer melden sich hier selten zu Wort. Im Zweifel reicht es ihnen.

Dies festzustellen bedeutet nicht, es gutzuheißen. Doch die 64 Prozent der Männer finden sich in Eintracht mit der Hälfte aller Frauen, denen es ebenfalls reicht. Ein bestürzendes Ergebnis? Eher ein Indiz dafür, dass es im Binnenverhältnis der Geschlechter nicht so banal und disharmonisch zugeht, wie es Umfragen und Medien oft glauben machen. Welche Form von Gleichheit es sein soll, insbesondere mit Kind und Haushalt, entscheiden die meisten Pärchen selbst. Die Faktoren Job, Kita, Geld spielen eine wichtige Rolle, aber die aktuellen Familienbilder sind ganz gewiss mehr als das Produkt äußerer Umstände, und wie man sich dort zur Zufriedenheit beider die Aufgaben zuteilt, hat mit der Wiederkehr patriarchalischer Muster wenig zu tun.

Deshalb reicht’s. Es reicht damit, das Ende des Ehegattensplittings zur Menschheitsfrage aufzubauschen. Keine einzige Frau, die bei Sinnen ist, bleibt deshalb daheim. Es reicht auch damit, koalitionäre Sondierungsveitstänze um das Betreuungsgeld aufzuführen, das manchen Eltern nützt, aber keine in die Mitte des letzten Jahrhunderts zurückwerfen wird. Es reicht auch damit, sich von Wirtschaftsinstituten vorrechnen zu lassen, dass falsche Familienförderung betrieben wird.

Wären ökonomische Sichtweisen bei der Familienplanung auch nur in irgendeiner Weise relevant, würde man ganz auf Kinder verzichten. Im Übrigen reicht es auch mit den kinderwagenschiebenden Politikern, die den Frühabwurf ihres Nachwuchses über der Betreuungslandschaft als modellhaft preisen. Sie sind in ihrer normierenden Besessenheit fast schlimmer als die, die Frauen früher in die Küche wünschten.

Das gesellschaftliche (Selbst-)Verständnis und der gelebte Alltag von Kind/Frau/Beruf/Famile/Mann hat, unabhängig vom politischen Streit, in den letzten Jahren einen Riesenschritt gemacht. Das ist es, was zählt. Und da reicht es nicht.

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