Meinung : Ein Stasi-Opfer für den schönen Schein

Hat Olympia-Manager Dirk Thärichen etwas verbrochen, das seinen Rücktritt rechtfertigt? / Von Richard Schröder

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Dirk Thärichen, dem Geschäftsführer der OlympiaBewerbungs-GmbH Leipzig, werden Stasi-Verwicklungen vorgeworfen. Hat er Freunden hinterhergeschnüffelt und Spitzelberichte geschrieben? Nein, denn er war kein IM, er hat auch keine Verpflichtungserklärung unterschrieben. Er war hauptamtlicher Mitarbeiter. Hat er also als Führungsoffizier Spitzeltätigkeit organisiert? Auch das nicht. Er hat seinen Wehrdienst im „Wachregiment Felix Dzierzynski“ abgeleistet, das die Partei- und Regierungsgebäude in Berlin zu bewachen hatte und besonders regimetreu war. Seine Soldaten unterstanden nicht dem Verteidigungsministerium, sondern dem Ministerium für Staatssicherheit. Und deshalb waren diese Soldaten hauptamtliche Mitarbeiter des MfS für die Dauer ihres Wehrdienstes, zweifellos die seltsamste Art von Hauptamtlichen.

Die Stasi hat unter diesen Wehrpflichtigen auch IMs angeworben, die nach Ende des Wehrdienstes IMs blieben, aber davon ist im Fall Thärichen nichts bekannt.

Wie wurde man Mitglied des Wachregiments? Bewerben konnte man sich nicht. Die Initiative ging immer von der Stasi aus, weil sie Unterwanderung befürchtete, wenn sich jemand anbot. Es hat also vermutlich jemand Thärichen gefragt, ob er dazu bereit sei. Man konnte das wohl ohne schwerwiegende Folgen auch ablehnen. Das wird aber kaum vorgekommen sein, denn die Stasi wusste schon, wen sie fragte. Thärichen stammte aus einer SED-orientierten Familie. Er erhoffte sich den gewünschten Studienplatz, wenn er sich zum verlängerten Wehrdienst beim Wachregiment verpflichtet. In der DDR waren Studienplätze knapp, weil ein weit geringerer Prozentsatz zur Oberschule und zum Studium zugelassen wurde als im Westen. Viele haben sich deshalb für drei Jahre verpflichtet.

Im Sommer 1989 also verpflichtete sich Dirk Thärichen, damals um die 18 Jahre alt, zu drei Jahren Wehrdienst im Wachregiment, aber nach fünf Monaten war Schluss. Januar 1990 wurde es aufgelöst.

Man kann das so zusammenfassen: Er wurde freiwillig hauptamtlicher Mitarbeiter der Stasi. Das ist aber eine irreführende Richtigkeit, oder: das ist richtig, aber nicht wahr, weil es ganz falsche Assoziationen erweckt.

Mitgliedschaft im Wachregiment ist bisher nicht als Hinderungsgrund für eine Einstellung im öffentlichen Dienst bewertet worden. Denn diese Überprüfungen sind Eignungsprüfungen. Wer andere bespitzelt hat, hat damit einen Vertrauensbruch begangen, er kann erpressbar sein und in falschen Loyalitäten befangen. Deshalb ist er für den öffentlichen Dienst oder für ein Mandat nicht geeignet. Solcher Vertrauensbruch ist Dirk Thärichen nicht vorgeworfen worden.

Aber war nicht eine besondere Systemnähe Voraussetzung fürs Wachregiment? Als er sich verpflichtete, war doch schon deutlich, dass die SED-Herrschaft wackelt und die Zahl der Ausreisewilligen explodiert. Er hat sich damit gegen die Opposition gestellt und seine Bereitschaft erklärt, dieses System zu retten. Vorsicht! Wir wissen nicht, was er damals von Ausreisewilligen und Opposition gehalten hat. Er hat vielleicht – als 18-Jähriger – noch halb geglaubt, was die Zeitungen, die Lehrer und vielleicht auch seine Eltern dazu gesagt haben.

Von mir aus gesehen stand er damals auf der anderen Seite der Barrikade, aber was ging in ihm vor, als die Mauer aufging, das Politbüro zurücktrat und die Zeit der Enthüllungen begann? Wir wissen es nicht. Müssen wir es überhaupt wissen? Da sieht man, wohin wir kommen, wenn wir die Kriterien der Stasiüberprüfungen verschärfen. Wir kommen ins Inquisitorische. Beweise uns deine Bekehrung, sonst bist du uns weiter ein Ketzer.

Und wir leisten der Stasi-Aufarbeitung einen Bärendienst. Wenn die Mitgliedschaft Jugendlicher im Wachregiment diese auch 13 Jahre später noch diskreditiert, wenn das schon unerträgliche Systemnähe beweist, dann werden alle Katzen grau. Dann können sich die Großen hinter den Kleinen verstecken, die Irreführer hinter den Irregeführten. Wir führen endlose Debatten über Nebensächlichkeiten und reiten das Thema kaputt.

Nun ist Dirk Thärichen nicht im öffentlichen Dienst, sondern in der Olympia-GmbH beschäftigt. Das Thema Stasi, Sport und Doping ist eines der harten, brutalen Themen. Wie da junge Menschen gesundheitlich ruiniert worden sind, um der DDR Medaillen und internationale Anerkennung zu verschaffen, das gehört zu den Kapiteln, die man nicht damit entschuldigen kann, dass die Verantwortlichen der guten Sache des Sozialismus dienen wollten. Die Olympischen Spiele in Leipzig sollen auch eine Absage an jenen Ungeist der Menschenopfer sein.

Da ist es allerdings sehr misslich, dass sich nun doch das Stasi-Thema mit Leipzig und Olympia vermischt. Mehr Umsicht hätte das vermeiden müssen und rechtzeitig auch ohne Verletzungen vermeiden können. Aber jetzt Dirk Thärichen zum Rücktritt drängen, das wäre doch auch eine Art von Opportunismus: Schuldig gemacht hast du dich nicht und mit Doping hast du auch nichts zu tun, aber damit nicht einmal die Böswilligen Olympia in Leipzig mit der Stasi in Verbindung bringen können, geh mal lieber. Die Böswilligen und Maßlosen finden immer ein Haar in der Suppe. Von denen sollten wir uns nicht unsere Maßstäbe vorgeben lassen.

Der Autor lehrt Theologie an der Humboldt-Universität. Er war Vorsitzender der sozialdemokratischen Fraktion in der freigewählten Volkskammer. Foto: dpa

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