Meinung : Ein verpatzter Sieg

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WAS WISSEN SCHAFFT

Im Torrausch der Fußball-WM wäre letzte Woche beinahe eine Siegesmeldung untergegangen, die das Jahr 2002 schon jetzt in die Geschichtsbücher eingehen lässt: Die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärte die Kinderlähmung in Europa für ausgerottet. Insgesamt sind damit drei Kontinente beziehungsweise 179 Staaten vom Poliovirus befreit, in den verbleibenden zehn Ländern Afrikas und Asiens soll die Seuche bis 2005 endgültig besiegt sein. Nach der Entdeckung des Penicillins im Jahre 1928 und der Ausrottung der Pocken 1980 ist dies der dritte historische Erfolg im Kampf des Menschen gegen die Mikroben.

Wie schon bei den Pocken kamen den Ärzten auch bei der Kinderlähmung zwei Besonderheiten des Virus zu Hilfe, die dessen Ausmerzung erheblich vereinfachen: Erstens hinterlässt die Impfung – wie die natürliche Infektion – eine fast lebenslängliche Immunität. Zweitens ist der Homo sapiens der einzige Wirt für das Virus, so dass sich der Erreger nicht in einer Tierart verstecken kann, wenn alle Menschen immunisiert sind.

Trotz dieser im Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten wie Aids oder Hepatitis-C sehr günstigen Ausgangslage wird die Impfkampagne noch dauern. Zwar sind die weltweit registrierten Polio-Erkrankungen durch die Impfungen dramatisch zurückgegangen: von 350.000 zu Beginn der Kampagne im Jahre 1988 auf 537 Fälle im Jahr 2001. Doch kann die WHO ein Land erst dann für „Polio-frei“ erklären, wenn erstens innerhalb von drei Jahren kein neuer Fall aufgetreten ist und zweitens eine Gesundheitsüberwachung existiert, die das Auftreten von Kinderlähmung überhaupt feststellen und melden würde. Genau daran hapert es jedoch dort, wo das Poliovirus heute noch vorkommt: Afghanistan, Ägypten, Angola, Äthiopien, Indien, Niger, Nigeria, Pakistan, Somalia und Sudan. In den meisten Staaten ist das Gesundheitssystem durch Kriege und Bürgerkriege vollkommen zerstört. Wo Zehntausende durch Gewalt, Hunger, Malaria und andere Infektionen umkommen, klingen die Appelle der Polio-Kampagne („Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam") wie blanker Hohn.

Im 21. Jahrhundert sind offenbar die großen Infektionskrankheiten vom medizinischen zum politischen Problem geworden; die Erfolge von Impfungen und Antibiotika drohen durch Kriege und Armut zunichte gemacht zu werden. Einer der größten Einzelposten im US-Gesundheitsetat ist derzeit die Beschaffung mehrerer hundert Millionen Impfstoffdosen gegen die Pocken – eine für besiegt erklärte Krankheit, die nur durch Menschenhand wieder zur todbringenden Epidemie werden kann.

Bei anderen Infektionskrankheiten ist der Mensch erst auf den zweiten Blick als Verursacher festzustellen: Eine Forschergruppe der Cornell-Universität meldete jetzt einen Zusammenhang zwischen Erderwärmung und der Zunahme von Epidemien: Durch wärmere Winter, vermehrte Regenfälle und Ausweitung der heißen Klimazonen breiten sich durch Insekten übertragene Infektionskrankheiten in neue Regionen aus. Der Fußball ist dadurch jedoch nicht gefährdet: Die Regenzeit beginnt in Südkorea erst im Juli – also nach dem Endspiel.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Mikrobiologie an der Universität Halle. Foto: J. Peyer

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