Meinung : Ein Volk von Säufern

Alcopops machen Karriere – jetzt ist der Staat ist gefordert

Tissy Bruns

Er ist wieder da, der in Schnaps getränkte Zuckerschnuller aus den Frühzeiten der Industrialisierung. Diesmal steckt der Geist in der Flasche, nennt sich Alcopop und widerlegt die These, derzufolge Geschichte sich als Farce wiederholt. Die frühe Verführung zum Alkohol kehrt als Schurkenstück zurück. Vor hundert Jahren ließen Not, Unwissenheit und Bedrängnis die Mütter zum falschen Beruhigungsmittel greifen und die Gesellschaft hat gewaltige Anstrengungen unternommen, um es wieder loszuwerden. Heute wird Wissen zielstrebig ausgenutzt, um junge Leute mit viel Taschengeld auf den Weg in die frühe Abhängigkeit zu führen. Und die aufgeklärte Gesellschaft interessiert sich dafür herzlich wenig.

Alcopops sind ein Kassenschlager. „Scharfer Sprit hinter süßer Maske“, nennt die Verbraucherorganisation Foodwatch die Limonaden, die bis zu 5 Prozent harten Alkohol enthalten. Der Umsatz hat sich seit 1998 vervierfacht. Und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat jetzt nachgewiesen, was zu erwarten und befürchten war: Der süße Stoff macht seine Karriere bei den Jungen. 48 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren greifen mindestens einmal im Monat zum Alkohol im Alcopop. In diesen Altersgruppen hat sich der Konsum seit 1998 versechsfacht. Klar ist angesichts dieser Daten auch: Wo 14-Jährigen harter Alkohol so leicht zugänglich ist, da wird er auch schon von 12- und 13-Jährigen getrunken.

Das ist eine Entwicklung, in der nichts anderes übrig bleibt, als ganz laut nach dem Staat zu rufen. Schon damit die aufgeklärte Gesellschaft, die das höchst ungern macht, aufwacht und merkt, dass wir im Begriff sind, uns sehenden Auges in ein Volk von Säufern zu verwandeln. Der Einwand, dass wir das längst sind, ist leider ebenso zutreffend wie zynisch. Es ist allzu wahr, dass Alkohol „unsere“ Droge ist, dass Alkoholsucht eine verbreitete Volkskrankheit, ein negativer Wirtschaftsfaktor und ein heimliches Unglück vieler Familien ist. Deshalb kann in diesem Land niemand erwachsen werden, ohne mit diesem traditionellen Suchtmittel Bekanntschaft zu machen. Eltern, Schule, Jugendschutzgesetz können das „erste Glas“ zwar verbieten oder an Altersgrenzen knüpfen – verhindern können sie es nicht.

Die Alcopops sind so gefährlich, weil sie die natürlichen Schranken junger Leute gegen alkoholische Getränke überlisten, zielgerichtet und mit voller Absicht. Bier ist bitter; ein Zwölfjähriger, der es trinkt, vollbringt eine Mutprobe, auf die er dann einige Zeit lieber verzichtet. Der erste Rausch ist meistens ziemlich peinlich – und hinterher fühlt man sich gar nicht gut. Alcopops dagegen sind süß und sie wirken sanft. Für Minderjährige hat der Staat eine Schutzpflicht; die Strafsteuer ist deshalb eine gute Idee.

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