• „Ein ziemlich durchschnittliches Völkchen“ Polen steckt wie Deutschland in einer nationalen Krise –

Meinung : „Ein ziemlich durchschnittliches Völkchen“ Polen steckt wie Deutschland in einer nationalen Krise –

und sucht Rückhalt in traditionellen Werten

Adam Krzeminski

Was ist denn bei euch in Polen los? Spinnt ihr? Das ist die übliche Frage, die deutsche Gesprächspartner seit den Europawahlen stellen. Der eindeutige Sieg der Euroskeptiker und die zweitniedrigste Wahlbeteiligung – nach der Slowakei – scheinen die polnische Mitgift in der EU zu sein, nur wenige Wochen nach dem feierlichen Beitritt am 1. Mai.

Die Nachrichtenschnipsel aus Polen sind tatsächlich verwirrend. Da hat das Land an der Weichsel Wachstumsraten von satten sechs Prozent und höhere Einnahmen als erwartet, bei niedrigeren Steuerraten. Doch nur zwei Drittel der berechtigten Bauern stellten Anträge auf EU-Direktzahlungen. Ministerpräsident Marek Belka, wurde vom polnischen Parlament nicht bestätigt, handelt aber dennoch in Brüssel einen Verfassungskompromiss aus, was ihm in der EU ein wenig Lob, an der Heimatfront jedoch entrüstete Hochverratsvorwürfe einbringt.

Und schließlich gibt es in der deutsch-polnischen Beziehungskiste auf beiden Seiten eine neurotische Kakophonie: Einerseits besucht man sich gegenseitig und beschwichtigt einander, dass alles seinen normalen Gang gehe, doch unter der Decke versteht man sich nicht mehr so toll, um nicht zu sagen, dass man den Partner bei weitem nicht mehr mit der früheren Begeisterung anfasst. Und es gibt sogar eine neue Ideologie dazu: Nicht mehr die 1990 von Hans-Dietrich Genscher und Krzysztof Skubiszewski formulierte deutsch-polnische Interessengemeinschaft sei für das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts angesagt, sondern eine „deutsch-polnische Streitgemeinschaft“, schreibt ein konservativer Politologe, Marek Cichocki, in seinem Buch „Die Entführung Europas“. Die deutsch-polnischen Zerwürfnisse des vergangenen Jahres hallen nach. Der Dissens beim Irakkrieg, der vehemente Streit um die Erinnerungspolitik – sprich: um das Zentrum gegen Vertreibungen – , aber auch um die Restitutionsansprüche für das im Osten verlorene Eigentum und schließlich um die Europäische Verfassung. In allen drei Bereichen entfremdete sich die veröffentlichte Meinung in beiden Ländern, so dass nicht nur der Dialog miteinander stottert, sondern das schiere Verständnis für die Umtriebe des Nachbarn abhanden kommt. Und zwar in beiden Richtungen.

Die Gründe liegen wohl in der neuen Unübersichtlichkeit sowohl der polnischen, als auch der deutschen innenpolitischen Lage. Dass Polen sich in einer Umbruchsphase befindet, liegt zwar auf der Hand, doch das ganze Ausmaß der tektonischen Verschiebungen in der polnischen Gesellschaft fünfzehn Jahre nach dem Wendejahr 1989 ist nicht einmal den Soziologen ganz klar. Und die Wahlen zum Europäischen Parlament liefern für eine tiefenschichtige Analyse bestenfalls einige Indizien, nicht aber allzu feste Bezugspunkte.

Dass das Land seit längerer Zeit eine Erschütterung der parteipolitischen Struktur erlebt, ist offenkundig. Die postkommunistischen Sozialdemokraten von der SLD, die 2001 die Parlamentswahlen triumphal gewannen, liegen wegen ihrer verwaltungstechnischen Indolenz und nach ihren Korruptionsaffären am Boden. Sie sind programmatisch schwach und personell weitgehend verbraucht. Doch die Post-Solidarnosc-Gruppierungen sind ebenfalls blass und amorph. In diesem programmatischen Vakuum gewinnen diejenigen, die am lautesten populistisch und national-katholisch auftrumpfen.

Doch ihr Sieg, bei den Europawahlen zwar numerisch eindeutig, steht bei näherer Betrachtung auf recht tönernen Füssen, da die alarmierend niedrige Wahlbeteiligung die brutale Tatsache verschleiert, dass mit einer einzigen Ausnahme – der proeuropäischen, linksliberalen, 2001 aber durch den Rost der Fünf-Prozent-Klausel gefallenen Union der Freiheit (jetzt 40 000 Stimmen mehr als 2001) – buchstäblich alle Parteien, auch die unbestrittenen Sieger, im Vergleich zu den letzten Parlamentswahlen in absoluten Zahlen mehr oder weniger starke Einbußen davontrugen. Die Erste im Pulk, die „Bürgerplattform“ (PO) bekam 200 000 Stimmen weniger als 2001, auch die wegen ihres zweiten Platzes bramarbasierende national-katholische und antieuropäische „Liga der polnischen Familien“ mobilisierte trotz der massiven Unterstützung durch „Radio Maryja“ 60 000 Wähler weniger als 2001, die autoritäre Gruppierung „Recht und Gerechtigkeit“ (Dritte im Pulk) verlor eine halbe Million Stimmen und die plump populistische „Selbstverteidigung“ von Andrzej Lepper sogar die Hälfte. Das ist natürlich gar nichts im Vergleich zu den fast fünf Millionen Stimmen, die die SLD einbüßte. Doch bis jetzt hat die Opposition von dem Desaster der Sozialdemokraten nur relativ profitiert, zumal deren bisherige Wähler noch keine neue politische Heimat gefunden haben.

Die polnischen Europawähler verhielten sich dabei kaum anders als die deutschen. Sie wählten weniger Europa, als dass sie die eigene Regierungspartei abkanzelten. Deswegen ist es immer noch abwegig, von den Europawahlen auf die nächsten Parlamentswahlen zu schließen. Zumal immer noch unklar ist, ob die vorgezogenen Wahlen schon im Herbst oder erst im Frühjahr 2005 stattfinden.

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Im nächsten Jahr allerdings bekommt Polen nicht nur ein neues Parlament und eine neue Regierungskoalition, sondern auch einen neuen Staatspräsidenten, da Aleksander Kwasniewski laut Verfassung kein drittes Mal antreten darf. Und da wird sich das Land – und nicht nur die polnische classe politique – völlig neu denken müssen. Dass die SLD sich bis dahin wieder aufrappeln könnte, erscheint heute ebenso unwahrscheinlich wie ein rot-grüner Sieg in Deutschland 2006. Trotzdem muss man sehr vorsichtig sein, wenn der Führer der „Liga“, Roman Giertych, siegestrunken von einer Machtübernahme faselt.

Der parteipolitische Rechtsdrall ist zwar in Polen unverkennbar, aber in erster Linie in der Phraseologie, als eine – psychologisch verständliche, wenn auch wenig produktive – Begleiterscheinung des enormen Wandels und seiner Erschütterungen in der polnischen Gesellschaft. Sie verunsichern vor allem die politische Klasse, die augenfällig am Ende ihres Lateins angelangt zu sein scheint. Die Ideologen der jetzt kommenden Generation klammern sich an die Vergangenheit, weil sie, anders als ihre Vorgänger, nicht mehr auf das Jahr 1989 stolz sein können. Fünfzehn Jahre lang war die Marschroute klar abgesteckt und durch die Beitrittsverhandlungen mit der Nato und der EU festgelegt. Die politische Argumentation unterlag einer mehr oder weniger klaren Ideologie: Brüssel ist eine normgebende Instanz, deren Rahmenbedingungen zu erfüllen sind. Nun aber: hic Rhodos, hic salta, man ist drin und muss seine Marschrichtung nicht nur mit anderen abstimmen, sondern sie überhaupt erst finden, die nationalen Interessen neu definieren, Standortdebatten führen, die Verwaltung effizient machen und vor allem sich in der EU so gut orientieren, dass man nicht im Nebel auf ihren Klippen hängen bleibt. Diese Kenntnisse sind in Polen immer noch nicht Allgemeingut, weder bei der politischen Klasse noch bei einfachen Menschen. So kann auch ein Bauer einem Reporter erklären, dass er nicht aus Laschheit, sondern aus Misstrauen keinen Antrag auf Direktzahlungen aus der EU-Kasse stellte, weil er gehört habe, dass die EU die polnischen Landwirte verdrängen wolle, und er habe noch nie gehört, dass man Geld ohne Hinterlist verschenkt, er jedenfalls wolle nicht für irgendwelche Machenschaften anfällig werden.

Eine Reprovinzialisierung des Denkens, Misstrauen und Verunsicherung sind Zeichen einer tiefen Identitätskrise. Sie ist heute nicht nur ein polnisches Phänomen. „Wer sind wir?“, fragt Samuel Huntington die Amerikaner, wir haben ein Janusgesicht, sagt den Briten Timothy Garton Ash. In Moskau sucht man wie mit der Lupe nach einer neuen „russischen Idee“. In Deutschland beklagt man seinen Abstieg nicht nur im Fußball, sondern auch als Industrienation usw. usf. In Polen schreibt die „Literaturpäpstin“ Maria Janion in einem furiosen Essay von einem „Abschied von Polen“, von den traditionellen, romantisch-larmoyanten polnischen nationalen Mythen und Selbstbildern, die bei der Modernisierung des Landes zunehmend ein Klotz am Bein seien. Und – noch vor kurzem ein Sakrileg für das polnische Selbstverständnis – sie sagt prompt, dass die traditionelle polnische Kultur „postkolonial“ sei, von denselben Komplexen und Verdrängungen geprägt, wie sie Edward Said im Orient festgemacht hat.

Danach könnte man auch sagen, dass Andrzej Stasiuks Verklärung der anarchischen und angeblich so vitalen osteuropäischen Provinz (die besonders den Deutschen so gefällt, weil sie die alten Klischees in einer sprachlich glänzenden Form bestätigt) eine klassische Trotzreaktion gegenüber dem bürgerlich-großstädtischen Zentrum in Westeuropa ist.

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Doch Polen ist inzwischen anders. Vorbildlich ungleichzeitig. Es hat immer noch seine Inseln des 19. Jahrhunderts, und jeder Bildreporter, der von seiner Redaktion Anweisung bekommt, einen Panjewagen und einen senseschwingenden Bauern abzulichten, findet schließlich beides. Und zugleich häuten sich das Land und seine Leute in rasantem Tempo.

Vorige Woche stellte die Warschauer „Polityka“ eine Momentaufnahme dieser Häutung dar und konstatierte eine „nationale Neurose“. Diese Eigenbeschau stützte sich auf eine penible Untersuchung des Wertewandels bei 80 Nationen, die der namhafte amerikanische Soziologe Ronald Inglehart vorgenommen hatte. Die Neurose beruht auf einer „Persönlichkeitsspaltung“, so als stünden die Polen mit einem Bein noch in der Vergangenheit und mit dem anderen bereits in der Zukunft. Zugleich sind sie „weder besonders merkwürdig noch einzigartig. Ein ziemlich durchschnittliches Völkchen in dieser Welt.“ Und voller Widersprüche: „Wenn ein Pole in Ingleharts Spiegel blickt, sieht er einen sozialistischen Liberalen, permissiven Katholiken, autokratischen Liberalen und anarchistischen Staatstreuen. Diese merkwürdigen doppelten Identitäten beunruhigen ihn. Er verspürt in sich eine wachsende Spannung, die er nicht beherrscht. Er beginnt zu befürchten, dass er in eine Ich-Spaltung verfallen ist. Er erinnert sich daran, dass er schon immer an einer Uneindeutigkeit litt, die bewirkt, dass in Polen weder Gutes noch Schlechtes je vollendet wurde. Aber diesmal ist es wohl etwas Ernsteres. Er wüsste gern, womit und als wer er nach Europa kommt. Doch irgendwie kann er sich nicht entscheiden, weil er sich selbst nicht recht versteht.”

Das Ausschlagen des polnischen Pendels nach rechts hat in Wirklichkeit nicht viel mit der von national-katholischen Splitterparteien verkündeten Ideologie, dafür aber eine Menge mit der von Jacek Zakowski erwähnten Neurose zu tun. Es sieht danach aus, als suchten die Polen angesichts des rasanten Tempos des Wandels nun für eine Weile einen Rückhalt in traditionellen Werten. Diese Weile kann länger dauern, etwa zwei Legislaturperioden.

Auch bei einer Modernisierungsneurose, wie bei jeder anderen, bedarf es zur Therapie eines Therapeuten, der die Stimmungsschwankungen, Selbstzweifel und Selbstüberschätzungen des Patienten ausgleicht und seine Zuversicht stärkt. Im polnischen Falle wäre zur Rolle eines Therapeuten natürlich der unmittelbare Nachbar berufen, die Deutschen. Der Punkt ist nur, dass es ausgerechnet die Deutschen sind, die – nach Ingelhart – momentan von noch stärkeren Selbstzweifeln und Ich-Schwächen geplagt werden als die Polen. Die „deutsche Neurose“ ist nämlich heute nicht weniger gravierend als die polnische. So befinden sich Deutsche und Polen in einer seltsamen Konstellation, eigentlich wären sie dazu berufen, einander zu helfen, sich gegenseitig zu stützen und vor allem zu verstehen, auch wenn es in der Politik nicht um Streicheleinheiten und Händchenhalten geht, sondern um die Durchsetzung von Interessen. Das Gebot der Empathie für einander mag zwar immer wieder postuliert werden, ist aber immer schwieriger umzusetzen. Es klappte nicht so recht, als in Warschau und Berlin Sozialdemokraten das Heft in der Hand hielten, und man kann nicht besonders viel darauf setzen, dass es nach 2006 besser sein wird. Zwei Neurotiker tanzen Tango, und jeder schwankt für sich.

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