Ein Zwischenruf : Berlin alaaf!

Berlin hält im deutschlandweiten Depressionsatlas der Techniker-Krankenkasse die Spitzenposition. Die Erklärung ist einfach

von
Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".
Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".Foto: Mike Wolff

Berlin hat 3,5 Millionen Einwohner und gerade mal 21 Karnevalsvereine. Sachsen-Anhalt hat 2,2 Millionen Bürger. Für seinen Humor wird das Bundesland eigentlich nie gelobt. Und doch hat es 191 Narrenzünfte. Berlin hat keinen Karnevalszug. Der Fasching macht den Berlinern zu viel Krach. Mehr Lärm als ein handelsüblicher Staubsauger dürfen die Narren hier nicht verursachen. Sonst gibt es teure Strafzettel.

Der Berliner hält ein Bützchen für ein hinfälliges Gartenhaus

Schlimmer noch: Eine der wenigen bekannten Karnevalskneipen, die „Berliner Republik“, öffnet an Weiberfastnacht um 17 Uhr 30. Die benachbarte Kölsch-Gaststätte „Ständige Vertretung“ wurde schon einmal wegen Überfüllung geschlossen, obwohl man im Gastraum noch ohne Probleme auf- und abgehen konnte. Berlin hat nur drei Tanzgarden. Der Festkalender der Hauptstadt listet für die fünfte Jahreszeit nur ein paar Veranstaltungen auf – die meisten sind für Kinder, die anderen finden vor allem in Seniorenheimen statt. Das Festkomitee Berliner Karneval residiert nicht etwa in einem der schicksten Hotels der Stadt, wie es sich eigentlich gehört – es wohnt in einem kargen Mehrfamilienhaus im Engelmannweg in Reinickendorf.

Der Berliner meint, dass ein Bützchen ein hinfälliges Gartenhaus ist. Er hält die Prunksitzung für ein neues Konferenzformat und das Dreigestirn für ein Sternbild. Wenn er jemanden schunkeln sieht, empfiehlt er eine Behandlung gegen Hospitalismus. Im Elferrat vermutet er eine Hotline für verzweifelte Fußballer. Mancher Berliner glaubt sogar, dass Düsseldorf eine Karnevalshochburg ist.

Wundert es jemanden, dass Berlin im deutschlandweiten Depressionsatlas der Techniker-Krankenkasse die Spitzenposition hält? Statt zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch vielleicht vierzig Stunden auf der Arbeit zu fehlen, weil sie feiern, fehlen die Berliner lieber über hundert Stunden im Jahr, weil sie traurig sind. Mehr Spaß macht das nicht. Der Berliner hält den Karneval für kollektiven Schwachsinn. Da hat er sogar Recht. Vielleicht ist dieser Unfug aber auch Ausdruck einer gesünderen Einstellung zum Leben?

Autor

36 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben