Ein Zwischenruf zu … : … Fußballmuffeln

Barbara John

Auf heute Abend freue ich mich wie ein Kind auf Weihnachten. Denn dann beginnt eine Zeitspanne außerhalb der Normalzeit, und die öffnet die Tür zu wundersamen Erfahrungen. Allerdings können nur Fußballmuffel zu solchen Genüssen kommen. Ich gehöre dazu und kenne auch noch einige Gleichgesinnte, aber es werden immer weniger. Selbst langjährige Fußballmuffel bekennen immer öfter, bei der Weltmeisterschaft säßen sie vor der Mattscheibe.

Ob WM oder Knödelspiel auf dem Schulhof: Ich habe mich fast immer gelangweilt beim Zugucken, die Spieler aber ob ihrer grenzenlosen Hingabe beneidet, die ja meistens vergeblich ist. Wann fällt schon mal ein Tor? Dabei ist das Torschießen für mich das einzig Sehenswerte. Warum so wenige fallen, hängt wohl mit der abgebrühten Spielstrategie vieler Mannschaften zusammen: nicht kämpfen, um selbst zu gewinnen, sondern rumspielen, um den Gegner am Gewinnen zu hindern. Die meiste Zeit steht das Torgestell also sinnlos auf dem Rasen herum.

Gut, dass die meisten Zeitgenossen entgegengesetzter Meinung sind. Nur deshalb wird der WM-Monat für mich zur Erlebniszeit der anderen Art. Ich habe schon den Spielplan genau ausgewertet und meine Freizeit danach organisiert. An den längsten Abenden des Jahres auf autofreien Straßen Berlins Rad zu fahren, erzeugt ein grandioses Gefühl von gesteigertem Raumbesitz und von Sicherheit. Und dann die Ruhe, nur selten unterbrochen von Triumph- oder Stöhnlauten aus Wohnungen und Kneipen. Schwimmbäder oder die Sauna an den Spielabenden zu nutzen, ist ebenfalls von besonderer Güte; sie sind fast leer und über Fußball wird nicht gesprochen.

Es gibt auch neue Möglichkeiten, den nächsten vier Wochen viel an sozialen Kontakten abzugewinnen. Für Fußballverliebte gibt es nämlich keine größere Freude als über ihre Liebe zu reden. Also frage ich sie ausführlich danach. Wer warum gewonnen oder verloren und welche Folgen das für die deutsche Mannschaft hat. Wer das Turnier gewinnen wird und was sie schon alles über Südafrika wissen.

Dann ist da noch eine Begleiterscheinung, die nicht auf die WM zurückgeht, aber durch sie sichtbar wird. Zehntausende junger Berliner, Männer und Frauen aus türkischen Einwandererfamilien werden diesmal sich und ihre Autos schwarz-rot-gold schmücken, werden mit deutschen Gleichaltrigen zittern und jubeln und dabei spüren, wie nahe sie sich schon gekommen sind. Schon staunenswert, was der Fußball alles hervorbringt.

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