Ein Zwischenruf zu … : … Kitakindern

Barbara John darüber, wie man Eltern verführen kann, ihre Kinder in die Kindertagesstätte zu schicken.

Barbara John

Die folgenreichste Lebensentscheidung ist bereits getroffen, wenn wir noch gar nicht auf der Welt sind, nämlich die Auswahl der Eltern. So könnte die nüchterne Feststellung lauten, wenn wir den deutschen Pisa-Ergebnissen folgen, wonach Herkunft Zukunft bestimmt. Aber das gilt ja in dieser Eindeutigkeit längst nicht für alle Pisa-Länder. Also ran an die wirksamen Instrumente, die wir kennen, aber nicht nutzen: Da springt sofort der frühe Besuch einer Kindertagesstätte ins Auge. Alle internationalen Untersuchungen zeigen, dass ein mehrjähriger Kitabesuch den späteren Schulerfolg wahrscheinlicher macht. Folglich müssten gerade jene Kinder frühzeitig und mehrjährig Kitas besuchen, bei denen es zu Hause nur wenig Anregung gibt. So wär’s richtig. Aber so ist es nicht. Im Gegenteil. Während in Berlin 90 Prozent der Kinder aus bildungsstarken Familien vor der Einschulung länger als zwei Jahre in die Kita gehen, sind es bei den bildungsschwachen nur 70 Prozent. Die Ursachen liegen auf der Hand: Zwar hat jedes Kind ab dem dritten Lebensjahr einen Anspruch auf einen Kitaplatz, zumindest für fünf Stunden täglich. Soll die Förderung ganztägig sein, muss ein Antrag eingereicht und mit zahlreichen Nachweisen bestückt werden. Meistens kommen dann die Kinder zum Zuge, deren Eltern arbeiten.

Bürokratie beherrschen, einer regelmäßigen Arbeit nachgehen, sich mit Rechtsansprüchen auskennen, genau das sind typische Schwachstellen sozialer Risikogruppen. Deshalb ist ein anderer Weg einzuschlagen: Warum werden diese Familien nicht persönlich angesprochen und ihre Kinder – ab drei Jahren oder jünger – zum Besuch einer Kita mit allen Marketingkünsten regelrecht „verführt“? Wie wirksam das sein kann, zeigte sich im vergangenen Jahr, als alle Eltern, deren Kinder noch nicht in der Kitaförderung waren, mit der Anmeldung zum Sprachtest auch eine Werbung für die Kitaanmeldung erhielten. Die Anmeldungen kletterten auf ein Rekordhoch.

Das galt allerdings nur für das letzte Jahr vor Schulbeginn. Und das reicht nicht aus. Eine neue Botschaft ist gefragt: „Komm schon mit drei und du bist in der Schule gut dabei.“ Wenn stattdessen weiterhin vor allem das letzte Kitajahr vor Schulbeginn propagiert und beworben wird, kommen sozial benachteiligte Kinder schon im Kitaalter viel zu kurz. Was sie dadurch ohne Not entbehren, wann und wo werden sie es im Vergleich zu den länger geförderten je wieder aufholen können?

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